Der amerikanische Senat hat das umstrittene Abkommen zur Regelung der italienischen Kriegsschulden mit 54 gegen 33 Stimmen ratifiziert.[1][2] Wie der Vorwärts meldet, stimmten elf Republikaner und dreizehn Demokraten für die Vorlage, die nunmehr dem Präsidenten Coolidge zur Unterzeichnung zugeleitet wird.[2] Auch der Hong Kong Telegraph verzeichnete diesen Beschluss in einer kurzen Depesche als eines der wesentlichen außenpolitischen Ereignisse der Woche.[3]

Vor der endgültigen Abstimmung entbrannte im Kapitol eine außerordentlich scharfe Debatte, in der die Senatoren Borah und Reed die Opposition anführten.[2] Beide Parlamentarier sprachen jeweils eine halbe Stunde und erklärten nach eigenen Angaben, diese Zeit gern überschritten zu haben, wenn die restriktive Geschäftsordnung dies zugelassen hätte.[2] Borah hatte beantragt, das gesamte Vertragswerk an die Schuldenkommission zurückzuverweisen, um die Zahlungsfähigkeit Italiens einer erneuten und strengeren Prüfung zu unterziehen.[2] Dieser Vorstoß scheiterte jedoch ebenso mit 54 gegen 33 Stimmen wie ein weiteres von Senator Howell eingebrachtes Änderungsangebot, das eine besondere Regelung für die Ausgabe von Schuldverschreibungen durch die italienische Regierung vorsah.[1]

Die Washington Post berichtet zudem von heftigen verfahrenstechnischen Auseinandersetzungen auf dem Parkett des Senats. So versuchte Senator Fess, einen Antrag Reeds auf erneute Überprüfung unverzüglich von der Tagesordnung abzusetzen.[1] Dieses Vorgehen rief den Protest des Minderheitenführers Robinson sowie Borahs hervor. Borah drohte ausdrücklich, künftige einstimmige Beschlüsse zur Festlegung von Abstimmungszeiten zu blockieren, falls die Mehrheit diese Praxis der plötzlichen Absetzung beibehalte.[1] Angesichts dieser Drohung zog Fess auf Anraten des Senators Curtis seinen Antrag vorerst zurück, behielt sich jedoch vor, ihn später erneut einzubringen.[1]

Die inhaltliche Debatte nahm stellenweise einen sehr scharfen Ton an, der sich insbesondere gegen den italienischen Regierungschef Benito Mussolini richtete. Senator Reed bezeichnete den Diktator laut dem Vorwärts als einen Missetäter, der „die Grausamkeit eines Wilden mit dem Egoismus eines Nero und der Verworfenheit eines Untiers“ vereine.[2] Dem Nieuwe Rotterdamsche Courant zufolge zog Reed in seiner polemischen Rede auch direkte Parallelen zu dem römischen Kaiser Caligula.[4] Diese persönlichen Angriffe wurden durch eine scharfe Rede des Senators Johnson ergänzt. Johnson wandte sich nachdrücklich gegen die New Yorker Finanzwelt und insbesondere gegen die Wall Street.[4] Johnson griff insbesondere jene Bankiers an, die das vorliegende Abkommen als das bestmögliche Verhandlungsergebnis bezeichnet hatten, das man dem faschistischen Italien abringen könne.[4]

In New Yorker Bankkreisen wird der Senatsbeschluss als bedeutsam für die Kreditlage und den wirtschaftlichen Fortschritt Europas eingeschätzt.[2] An der Wall Street erhofft man sich, dass durch diesen Präzedenzfall nun auch die ausstehenden Verhandlungen mit anderen europäischen Schuldnerstaaten rascher zum Abschluss gebracht werden.[4] Die Vereinigten Staaten seien demnach bereit, sich mit Frankreich auf eine Quote zwischen 40 und 45 Prozent der Gesamtschuld zu einigen. Der französische Verhandlungsführer Caillaux hatte bisher 40 Prozent angeboten.[4]

Die demokratische Opposition in Europa betrachtet die amerikanische Entscheidung mit Bedauern.[2] Mit der Ratifizierung und der Ablehnung, den Vertrag erneut der Finanzkommission zu überweisen, habe Amerika freiwillig auf ein wesentliches finanzielles Druckmittel verzichtet.[2] Kritische Beobachter folgern, dieses Mittel hätte im Interesse der vom Faschismus bedrohten europäischen Demokratien eingesetzt werden können, sei nun aber aus wirtschaftspolitischen Erwägungen aufgegeben worden.[2]