Die Bemühungen um eine Befriedung Marokkos treten in eine entscheidende Phase, wobei die Verhandlungen in Udschda und im vorgeschobenen Lager von Taurirt weiterhin äußerst zäh verlaufen.[1] Nach einem Telegramm der Agentur Havas überbrachten die Vertreter der Rifkabylen nunmehr die formelle Antwort ihres Anführers Abd el Krim auf die alliierten Friedensbedingungen.[2] Die französische und die spanische Delegation gelangten nach eingehender Prüfung dieses Dokuments zu einer gemeinsamen Entscheidung, die den Außenministern in Paris und Madrid umgehend zur Ratifizierung telegrafisch übermittelt wurde.[2] Um fünf Uhr nachmittags trat eine Vollsitzung der drei Delegationen in der Ortschaft El Ajun zusammen. Diese Ortschaft liegt auf halbem Wege zwischen Taurirt und Udschda.[2] Die Wahl dieses Ortes wird in der Pariser Auslandspresse bereits als Symbol der inzwischen erzielten Fortschritte gedeutet.[2] Auffällig ist, dass die Rifdelegation darauf verzichtet hat, zur weiteren Abstimmung erneut einen ranghohen Delegierten zu Abd el Krim zu entsenden. Sie begnügte sich stattdessen mit der Sendung eines Boten.[2]
Dem Pariser Temps zufolge versuchen die rifanischen Unterhändler unter Führung ihres Ministers Azerkane mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, die öffentliche Meinung der Welt für ihre Sache zu gewinnen.[3] Sie treten in Udschda nicht wie unterlegene Rebellen auf, die um Gnade ersuchen. Vielmehr beanspruchen sie die Rolle bevollmächtigter Vertreter eines souveränen Staates und verhandeln auf der Grundlage vollständiger Gleichberechtigung.[3] Azerkane sah sich jedoch genötigt, ein voreilig an die Presse ausgegebenes Kommuniqué ausdrücklich zu widerrufen.[3] Dieses Schreiben hob die Macht und Ehre des „Emirs“ Abd el Krim stark hervor und hatte in französischen wie spanischen Kreisen einen sehr unangenehmen Eindruck hinterlassen.[2][3] Le Temps bewertet diesen Widerruf jedoch als bewusst gesetztes diplomatisches Manöver und zieht eine Parallele zu der öffentlichen Diplomatie der russischen Bolschewisten.[3] In Paris wird befürchtet, dass die Friedenskonferenz Abd el Krim einen erheblichen moralischen Vorteil verschaffen könnte.[3] Die rasche Verbreitung der marokkanischen Stellungnahmen unter den in Udschda versammelten Journalisten löste einen regelrechten Andrang an den Telegrafenämtern aus.[3] Das großzügige Vorgehen des französischen Generalkonsuls de Witasse in Zensurangelegenheiten ermöglichte es den Sonderberichterstattern, sich vor den Augen der erstaunten einheimischen Bevölkerung in der Übermittlung dieses Dokuments zu überbieten.[3]
Frankreich und Spanien weigern sich strikt, Abd el Krim als souveränen Herrscher anzuerkennen.[3] Vielmehr geben die französischen Stellen offiziell vor, lediglich für die Wiederherstellung der Autorität des marokkanischen Sultans, des Machsen, zu kämpfen.[1] Nach Angaben des Matin beziehen sich die verbleibenden Differenzen vor allem auf die militärische Forderung nach einer Verschiebung der französisch-spanischen Front um sieben Kilometer.[2] Der Petit Parisien ergänzt, dass die französische Seite im Zweifelsfall auch mit anderen Garantien als diesem Gebietszuwachs zufrieden wäre.[2] In Paris hofft man, das in dieser Frage strengere Spanien noch umstimmen zu können.[2] Dass Madrid der französischen Verhandlungsbereitschaft überhaupt Vertrauen schenkte, wurde erst kürzlich durch die vermittelnde Tätigkeit des spanischen Botschafters in Paris ermöglicht.[2]
Hinter den Kulissen der Diplomatie in Udschda, einer Grenzstadt, die im März 1907 von General Lyautey als strategischer Ausgangspunkt für das weitere Vorgehen in Marokko besetzt wurde, droht unmissverständlich militärische Gewalt.[1] Bemerkenswert ist, dass gerade jener französische Offizier, der 1906 eine grundlegende Studie über Udschda verfasste, der heutige General Mougin, nun als Erster die Verhandlungen mit Abd el Krim aufgenommen hat.[1] Die Bedeutung der Region kann nur vor dem Hintergrund ihrer vertrackten Vorgeschichte verstanden werden. Abd el Krim hatte zu Beginn der Feindseligkeiten betont, er betrachte Frankreich als die „Königin des Islams“ und strebe primär die Vertreibung der Spanier an.[1] Erst durch den Streit um das fruchtbare Wergatal wurde die französische Armee zunehmend in den Krieg verwickelt.[1] Dieses Tal ist der natürliche Getreidespeicher Marokkos und für die Versorgung der nordafrikanischen Kämpfer unentbehrlich.[1] Als Frankreich auf Grundlage eines Abkommens von 1912 versuchte, nördlich dieser Kornkammer eine militärische Kette zu errichten, fühlten sich die Kabylen ihrer wirtschaftlichen Lebensader beraubt.[1] Anfangs wurden in Paris die Schwierigkeiten der Spanier noch belächelt, bis die Offensive Abd el Krims im vergangenen Jahr die Städte Fes und Tasa ernsthaft gefährdete.[1]
Scheitern die Friedensgespräche, so steht eine ausgedehnte französisch-spanische Frühjahrsoffensive unmittelbar bevor.[1] Der Angriffsplan wurde von Marschall Pétain in Madrid persönlich mit der spanischen Regierung abgestimmt und ist darauf angelegt, den Widerstand der Marokkaner endgültig zu brechen.[1] Vorläufig bleibt das Schicksal der Verhandlungen ungewiss, zumal Abd el Krim, der militärisch nicht besiegt wurde, sehr harte Bedingungen akzeptieren soll.[1] Nach Einschätzung der Kölnischen Zeitung gehen die Ansichten über die Aufrichtigkeit der Pariser und Madrider Kabinette erheblich auseinander, je nach parteipolitischer Färbung.[1] Daher ist keineswegs sicher, ob die Besprechungen von Udschda tatsächlich einen endgültigen Frieden herbeiführen oder ob der gegenwärtige Waffenstillstand nur eine kurze Pause bildet, nach der die Feldgeschütze im Rif-Gebirge womöglich umso heftiger ertönen werden.[1]