In den diplomatischen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion kündigt sich ein maßgeblicher Abschluss an. Wie die Badische Presse erfährt, wird der neue deutsch-russische Freundschaftsvertrag voraussichtlich noch am heutigen Nachmittag in Berlin durch Reichsaußenminister Gustav Stresemann und den sowjetrussischen Botschafter Nikolai Krestinski unterzeichnet werden.[1] In den vergangenen Tagen wurde eine vollständige diplomatische Einigung zwischen den beiden Regierungen erzielt.[2] Das Reichskabinett hat dem Text des Vertrages heute formell zugestimmt. Der Reichspräsident hat den Außenminister bevollmächtigt, das Abkommen im Namen des Reiches zu unterschreiben.[2]

Der Fahrplan für die innerpolitische Behandlung und die internationale Veröffentlichung ist bereits festgelegt. Dem Vorwärts zufolge wird Außenminister Stresemann noch heute die Parteiführer über den genauen Vertragsinhalt unterrichten.[2] Am kommenden Montagvormittag folgen Beratungen im Auswärtigen Ausschuss des Reichsrats. Im Anschluss daran befasst sich der Auswärtige Ausschuss des Reichstags mit dem Vertrag.[2] Nach dem Abschluss dieser vertraulichen Gremiensitzungen soll der Vertragstext der Öffentlichkeit übergeben werden. Übereinstimmenden Angaben zufolge wird dies Anfang der nächsten Woche gleichzeitig in Berlin, Moskau und weiteren europäischen Hauptstädten erfolgen.[2][3] Wie die Neue Freie Presse anmerkt, ist zudem beabsichtigt, den Vertrag nach seiner endgültigen Ratifikation offiziell beim Völkerbundsekretariat zu hinterlegen.[3]

Dem Vertragswerk ist ein umfangreicher Anhang beigefügt, der in Form von Noten oder Begleitbriefen abgefasst ist.[2][3] Dieser Anhang betrifft den wohl heikelsten Punkt der Verhandlungen: die Vereinbarkeit des deutsch-russischen Abkommens mit den Verpflichtungen aus dem Völkerbundpakt, dem Deutschland beizutreten gedenkt. Der Berliner Berichterstatter des Pariser Petit Parisien entnimmt diplomatischen Kreisen, dass insbesondere Artikel 16 der Völkerbundakte bis zuletzt erhebliche Schwierigkeiten bereitete.[1] Um diesen rechtlichen Problemen begegnen zu können, wird im Vertragstext auf eine direkte Auslegung dieses Artikels verzichtet.[1] Stattdessen werden Deutschland und Russland einander ihre jeweilige Auffassung zu Artikel 16 in separaten Briefen mitteilen, die parallel zwischen den beiden Außenministern gewechselt werden.[1] So kann das Vertragswerk dem Völkerbund vorgelegt werden, ohne dass die Begleitbriefe der Genfer Institution offiziell bekanntgegeben werden müssen.[1] Diese Vorgehensweise, die der französische Berichterstatter als eine „elegante Lösung“ bezeichnet, dürfte indessen in mehreren alliierten Hauptstädten zu Bedenken führen.[1]

Die deutsche Diplomatie bemüht sich daher, diese Bedenken bereits im Vorfeld zu zerstreuen. Die spanische Tageszeitung El Sol berichtet ausführlich über die Erklärungen, die der deutsche Botschafter in Paris gestern dem französischen Ministerpräsidenten Aristide Briand übermittelte.[4] Ähnliche Vorstöße unternahm der diplomatische Vertreter des Reiches in London.[4] In beiden Hauptstädten wurde nachdrücklich versichert, dass das neue Abkommen nicht im Widerspruch zum Locarnovertrag stehe.[4] Vielmehr sei der Text von genau jener politischen Linie inspiriert, die auch von anderen europäischen Staaten gegenüber der Sowjetunion verfolgt werde.[4] Briand erklärte hierzu vor der Kammerkommission für Auswärtige Angelegenheiten, er verfolge jeden Schritt in dieser Frage aufmerksam und stehe in ständigem Einvernehmen mit den befreundeten Mächten Frankreichs.[4]

In Großbritannien nimmt man die Entwicklung mit einer eigentümlichen Mischung aus diplomatischer Befriedigung und politischem Argwohn auf. Laut der Neuen Freien Presse, die sich auf den Londoner Daily Telegraph beruft, hat die Ankündigung, der Vertrag werde unmittelbar nach der Unterzeichnung und ohne vorherige Begutachtung durch die Alliierten veröffentlicht, in offiziellen Kreisen Zustimmung hervorgerufen.[1][3] Dennoch sind die skeptischen Stimmen an der Themse noch nicht verstummt.[1] Auch wenn der politische Text harmlos erscheine, befürchten diese Kreise, dass dem Abkommen geheime militärische Vereinbarungen zugrunde liegen könnten.[1][3] Kritiker erinnern dabei immer wieder an die Unterredungen, die der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Georgi Tschitscherin, kurz vor der Konferenz von Locarno mit dem damaligen Chef der Heeresleitung, General Hans von Seeckt, in Berlin geführt hatte.[1][3]

Die Wirkungen des bevorstehenden Vertragsabschlusses sind bereits im östlichen Europa spürbar und führen zu erheblicher diplomatischer Aktivität. So berichtet die Neue Freie Presse von einer ausgeprägten diplomatischen Polemik zwischen Berlin und Prag.[3] Der tschechoslowakische Außenminister Edvard Benesch hatte in einem Memorandum bei verschiedenen europäischen Mächten in London und Paris Vorbehalte gegen die deutsch-russischen Vertragsverhandlungen angemeldet.[3] Bemerkenswerterweise unterließ er es jedoch, den deutschen Gesandten in Prag über diesen Schritt zu informieren.[3] In der deutschen Hauptstadt wurde dieses Vorgehen mit Befremden zur Kenntnis genommen, da man eine direkte Rückfrage Beneschs beim diplomatischen Vertreter des Reiches für den politisch angemesseneren Weg gehalten hätte.[3]

Unterdessen scheint sich das östliche Bündnissystem als Reaktion auf die angenommene deutsch-russische Annäherung weiter zu festigen. Der diplomatische Mitarbeiter des Daily Telegraph verweist auf die Ausweitung des rumänisch-polnischen Vertrages.[1] Dieser garantiere Polen nun nicht nur militärischen Beistand gegen russische, sondern auch gegen deutsche Angriffe.[1] Im Gegenzug sichert sich Rumänien gegen Bedrohungen von allen Seiten, einschließlich Ungarns und Bulgariens, ab.[1] In diplomatischen Kreisen Londons wird diese Tendenz zum Abschluss immer neuer, gegen ehemalige Kriegsgegner gerichteter militärischer Defensivverträge kritisch gesehen.[1] Dort befürchtet man, dass eine solche Bündnispolitik den ohnehin fragilen Frieden auf dem Kontinent gefährden und zu einer unerwünschten Wiederbelebung der Vorkriegsallianzen führen könnte.[1] Es bleibt nun abzuwarten, ob die vertragliche Festschreibung der deutsch-russischen Beziehungen tatsächlich eine stabilisierende Wirkung entfalten wird, wie man sie sich in Berlin erhofft, oder ob sie die Spannungen im östlichen Europa weiter verstärkt.[3]