Die Ernennung des deutschen Botschafters von Hoesch zum Vertreter in der Völkerbund-Studienkommission sowie das angekündigte persönliche Erscheinen des tschechoslowakischen Außenministers Benesch werden in hiesigen diplomatischen Kreisen mit größter Aufmerksamkeit verfolgt.[1] Zudem wird vermutet, dass auch der polnische Vertreter Graf Skrzynski persönlich an den bevorstehenden Verhandlungen teilnehmen wird.[1]

Bisher galt die Studienkommission als ein vorwiegend juristisch und technisch orientiertes Gremium.[1] Ihre bisherigen prominenten Mitglieder, darunter Cecil, Scialoja und Paul-Boncour, sind zwar als profunde Kenner des Genfer Völkerbundapparates anerkannt, üben jedoch keinen maßgeblichen Einfluss auf die großen politischen Richtlinien ihrer jeweiligen Länder aus.[1] Mit der Entsendung Hoeschs, der bereits unter Poincaré ausgezeichnete Beziehungen zu Paris pflegte, obwohl er bislang nicht unmittelbar mit der Völkerbundsatzung befasst war, verschiebt sich nun der Schwerpunkt.[1] Die Aufmerksamkeit richtet sich künftig nicht mehr primär auf die rein technischen Artikel 1, 4 und 7; sie gilt nun vielmehr den hochpolitischen Bestimmungen der Artikel 11, 17, 18 und 20.[1]

Diese inhaltliche Ausweitung lässt darauf schließen, dass in Genf nicht allein der formelle Eintritt Deutschlands in den Völkerbund debattiert werden soll.[1] Es steht vielmehr zu erwarten, dass die gesamte deutsche Außenpolitik einer weltpolitischen Prüfung unterzogen wird.[1] Darüber hinaus dürften auch die bestehenden Sonderbündnisse der gegenwärtigen Völkerbundmitglieder untereinander sowie deren Verträge mit Nichtmitgliedern zur Sprache kommen.[1] Es bleibt dabei fraglich, inwieweit die derzeitigen Kommissionsmitglieder für derart weitreichende Untersuchungen zuständig sind und ob diese große Arbeitslast in den knappen sechs Tagen bis zum Zusammentritt der Abrüstungskommission bewältigt werden kann.[1] Unter dem Begriff der friedenssichernden Regionalverträge lässt sich weitreichendes politisches Material erfassen, wie nicht zuletzt der jüngste polnisch-rumänische Vertrag zeigt.[1]

Die diplomatischen Vorbereitungen für die im September anberaumte Völkerbundversammlung werfen bereits jetzt ihre Schatten voraus. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung in einem weiteren Bericht aus Paris meldet, rechtfertigte der französische Außenminister Briand unlängst die Notwendigkeit eines ständigen Ratssitzes für Polen mit dem Argument, Frankreich müsse andernfalls die polnischen Interessen vertreten; dies könnte das deutsch-französische Verhältnis belasten.[1] In der französischen Presse, insbesondere im Temps, wird allerdings nachdrücklich gefordert, sämtliche mit dem deutschen Eintritt zusammenhängenden Fragen im Vorfeld sorgfältig zu klären, damit die Genfer Organisation im Herbst nicht in eine neue Krise gerät.[1]