Die langwierigen Verhandlungen über die Konsolidierung der französischen Kriegsschulden gegenüber den Vereinigten Staaten scheinen in eine entscheidende Phase getreten zu sein. Wie aus Washington gemeldet wird, hat der französische Botschafter Bérenger der amerikanischen Schuldenkommission unter dem Vorsitz von Schatzsekretär Mellon einen neuen Entwurf überreicht, der eine grundlegende Regelung der finanziellen Altlasten bringen soll.[1][2]

Die amerikanische Kommission unterzog das Angebot am gestrigen Tage einer eingehenden offiziellen Prüfung, die anderthalb Stunden in Anspruch nahm.[2] Gegenstand der Beratungen ist eine französische Ursprungsschuld von annähernd vier Milliarden Dollar. Diese beläuft sich über den vorgesehenen Tilgungszeitraum von 62 Jahren mitsamt den Zinsen auf fast sieben Milliarden Dollar.[2] Der Plan Bérengers sieht eine vorsichtig gestaffelte Zahlungsreihe vor. In den ersten fünf Jahren soll Frankreich jährlich etwa 25 Millionen Dollar nach Washington überweisen, was praktisch einem Moratorium gleichkommt.[1] Im sechsten Jahr stiege die Rate auf 40 Millionen Dollar und würde sich dann kontinuierlich erhöhen, bis sie im 17. Jahr die maximale Jahresleistung von 125 Millionen Dollar erreicht, die bis zum Ende des 62-jährigen Zeitraums konstant bleiben soll.[1]

Obwohl die amerikanische Schuldenkommission die Tatsache begrüßt, dass das vorliegende Angebot Bérengers die Offerte übertrifft, die der französische Finanzminister Joseph Caillaux im vergangenen Jahr erfolglos in Washington vorgelegt hatte, regt sich in der amerikanischen Hauptstadt erheblicher Widerstand.[2] Eine starke Minderheit innerhalb und außerhalb der Regierung steht dem Vertragsentwurf kritisch gegenüber.[1] Die Staatssekretäre Kellogg und Hoover sprechen sich ebenso wie Senator Smoot und der Abgeordnete Crisp entschieden gegen die Annahme aus.[1] Diese führen insbesondere an, dass Caillaux im Vorjahr für die ersten Jahre noch 40 Millionen Dollar jährlich angeboten habe, während der neue Plan mit lediglich 25 Millionen Dollar beginne.[1][2] Senator Smoot trug die Bedenken unmittelbar nach der Sitzung in den Senat. Daraufhin forderte er die Behandlung des belgischen Schuldenabkommens, worauf der demokratische Senator Reed aus Missouri zu einem scharfen rhetorischen Angriff auf die Administration und die Schuldenkommission ansetzte.[2]

Die weitaus größeren politischen Erschütterungen löst der drohende Vertragsabschluss jedoch in Paris aus.[3] Dort herrscht eine tiefe Beunruhigung darüber, dass die Vereinigten Staaten jede vertragliche Verknüpfung der französischen Verpflichtungen mit den deutschen Reparationszahlungen kategorisch ablehnen.[3] Frankreich hatte stets den Standpunkt vertreten, dass seine eigene Zahlungsfähigkeit unmittelbar sinke, wenn Deutschland den Reparationsverpflichtungen nicht nachkomme.[3] Um den amerikanischen Widerstand gegen eine derartige juristische Schutzklausel zu umgehen, strebt die französische Diplomatie nun ein formloses Ehrenabkommen — einen Notenwechsel — an.[1] Dieser soll lediglich festhalten, dass eine Revision des Abkommens eintreten könne, falls die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Frankreichs eine grundlegende Veränderung erfahre.[4]

Der Verzicht auf die formelle Schutzklausel hat im Auswärtigen Ausschuss der französischen Kammer zu einer dramatischen Auseinandersetzung geführt.[1] Außenminister Briand machte den Abgeordneten unmissverständlich klar, dass ein Abkommen über die Schuldenregelung nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens möglich sei und dass am loyalen Willen der Amerikaner nicht gezweifelt werden dürfe.[1] Briand ist offenbar entschlossen, sich mit aller Energie für den Vorschlag Bérengers einzusetzen und sein politisches Schicksal nötigenfalls mit der Vertrauensfrage an die Ratifizierung zu binden.[4] Er betrachtet die Regelung als erste Voraussetzung für eine durchgreifende Gesundung der französischen Staatsfinanzen.[4]

Der Präsident des Ausschusses, Franklin-Bouillon, kündigte dagegen die schärfste Opposition an. Er bezeichnete den Verzicht auf die Schutzklausel als einen „Skandal“, der unter keinen Umständen aufrechterhalten werden dürfe, und nannte ein Abkommen auf dieser Grundlage geradezu katastrophal.[4] Unterstützung findet Briand hingegen beim früheren Finanzminister Loucheur. Dieser erwartet von der Regelung einen erheblichen Aufschwung der französisch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen, auch wenn er bezweifelt, dass Frankreich in naher Zukunft die ersten 25 Millionen Dollar problemlos aufbringen kann.[4]

Die französische Presse spiegelt diese Zerrissenheit wider, neigt aber überwiegend zur Akzeptanz der Tatsachen. Dem Matin zufolge ist die Schutzklausel unter den gegenwärtigen Umständen ohnehin nicht mehr von ausschlaggebender Bedeutung. Frankreich werde zahlen, solange es könne, und die Zahlungen einstellen, sobald es zahlungsunfähig werde — ein Zeitpunkt, der unweigerlich eintrete, falls Deutschland seine Reparationen aussetze.[4] Wenn dieser Sachverhalt de facto existiere, sei es überflüssig, ihn ausdrücklich im Vertrag zu verankern.[4] Das Journal wiederum betont, dass die Vereinigten Staaten sich von Frankreich mit einer geringeren Leistung begnügen wollten als von England.[4] Dennoch bleiben gewichtige skeptische Stimmen bestehen. So fürchtet der außenpolitische Redakteur Romier im Pariser Figaro den Ausbruch einer schweren wirtschaftlichen Krise in Frankreich und hält das unbedingte Festhalten an der Sicherheitsformel für zwingend geboten.[4]

Während Washington und Paris noch um die endgültige Fassung ringen, blickt man in London mit großem Interesse auf den Fortgang der Verhandlungen.[5] Die britische Regierung legt größten Wert darauf, dass Schatzkanzler Churchill in seinem Haushaltsplan für das Jahr 1926/1927 die zu erwartenden französischen Zahlungen an Großbritannien bereits berücksichtigen kann.[5] Nach Berichten des Figaro stehen die beiden Regierungen in Verhandlungen über ein vorläufiges Teilabkommen, was einen baldigen Besuch des französischen Finanzministers Péret in London wahrscheinlich macht.[5] Das Schicksal der internationalen Schuldenarchitektur hängt nun in erster Linie davon ab, ob die Kabinette in Washington und Paris ihre jeweiligen nationalen Widerstände überwinden können.