Das nunmehr unterzeichnete diplomatische Aktenstück über die deutsch-russischen Abmachungen wird offiziell als „Berliner Vertrag“ bezeichnet werden, da auch der Austausch der Ratifikationsurkunden in der Reichshauptstadt erfolgen soll.[1] Mit diesem Schritt beschreitet die Reichsregierung Bismarcksche Wege zur größtmöglichen Sicherung Deutschlands, wie sie durch die geografische Lage des Landes bedingt sind.[1] Unwillkürlich erinnert der Vorgang im Zeichen der Locarnopolitik an den bekannten Rückversicherungsvertrag mit Russland zur Zeit des Dreibundes.[1] Während Deutschland seine Sicherung nach dem Westen durch die Locarnoabmachungen anstrebt, sucht es nun den entsprechenden Ausgleich nach Osten durch den neuen Berliner Vertrag.[1] Die Sowjetunion steht dem Völkerbund und Locarno grundsätzlich ablehnend gegenüber, durch den Vertragsschluss zeigt sie jedoch, dass Vertrauen in die deutsche Zusicherung einer beidseitigen Absicherung besteht.[1] Artikel 2 des Vertrages legt die beschränkte Neutralität fest.[1] Dagegen könne unmöglich Einspruch erhoben werden, nachdem die Tschechoslowakei im Jahre 1920 mit Russland einen Wirtschaftsvertrag abgeschlossen hatte, dessen Präambel sogar die unbeschränkte Neutralität zur Voraussetzung machte.[1]

Der Auswärtige Ausschuss des Reichstages hatte am Vortag die Aussprache über die Verhandlungen zu Ende geführt, bevor die endgültigen Unterschriften geleistet wurden.[2] Unmittelbar nach der feierlichen Unterzeichnung der Dokumente mit dem russischen Botschafter Krestinski tauschte Reichsaußenminister Gustav Stresemann mit dem sowjetischen Volkskommissar Tschitscherin Glückwunschtelegramme aus.[3][2] Stresemann brachte in seinem Telegramm die feste Zuversicht zum Ausdruck, dass der Vertrag seinem Zwecke gerecht werde, nämlich an der Befestigung des Weltfriedens mitzuwirken.[3][2] Diese Zusammenarbeit baut auf der durch den Vertrag von Rapallo geschaffenen Grundlage auf.[3][2] In seiner Antwort betonte Tschitscherin, die Sowjetregierung verstehe den Vertrag als Werkzeug des Friedens.[3][2] Der Geist von Rapallo lebe in diesem Abkommen weiter und übe seinen wohltuenden Einfluss auf die allgemeine internationale Lage aus.[3]

In einem Interview mit einem Vertreter der amerikanischen Hearst-Presse erläuterte Stresemann die Ziele der deutschen Diplomatie näher.[3] Der Vertrag bedeute einen wesentlichen Schritt auf dem Wege zur Befriedung Europas.[3] Die kritischen und teilweise polemischen Ausführungen der Presse in einigen Locarnostaaten führte der Minister zum großen Teil auf innenpolitische Beweggründe zurück.[3][4] Wer den Inhalt der deutsch-russischen Abmachungen mit Loyalität auffasse, könne daraus unmöglich eine Spitze gegen das Vertragswerk von Locarno ableiten.[4] Insbesondere Polen habe keinen Anlass, sich durch diese Verständigung bedroht zu fühlen.[4] Im Gegenteil, die Brücke, die von Berlin nach Moskau geschlagen werde, werde sich als bessere Sicherung des Friedens für Polen erweisen als jene Truppen, die derzeit an der russischen Grenze Wacht halten.[4]

Die hiesige russische Botschaft erklärte der Presse, der Zweck des Vertrages sei die Stärkung der freundschaftlichen Beziehungen und die Förderung des Weltfriedens.[5] Der Vertrag bedeute kein Bündnis und richte sich gegen keine dritte Macht.[5] Russland betrachte ihn vielmehr als Vorlage für Abkommen, wie sie auch mit den baltischen Staaten und Polen abgeschlossen werden könnten.[5] Die gesamte sowjetische Presse begrüßt den Abschluss.[3] Die Iswestija erklärt, der Vertrag bringe ein sehr wichtiges neues Moment in das politische System der internationalen Beziehungen, was der deutschen Diplomatie zur Ehre gereiche.[3] Das offizielle Wirtschaftsblatt Ekonomitscheskaja Schisn hofft auf günstige Auswirkungen für den wirtschaftlichen Austausch beider Länder.[3] Die Garantierung von Krediten für Sowjetrussland beweise, dass man in Deutschland die Bedeutung des Sowjetmarktes richtig einschätze.[3]

Eine ausführliche politische Besprechung lieferte Karl Radek in der Prawda.[5] Die deutsche Regierung sei sich voll bewusst, dass die Stärke ihrer Stellung gegenüber den Siegermächten auf den guten Beziehungen zu Moskau beruhe.[5] Jede Trübung dieses Verhältnisses würde die Lage Deutschlands im Westen schwächen.[5] Radek misst der Zusicherung Stresemanns, allen friedensfeindlichen Bestrebungen innerhalb des Völkerbundes entgegenzuwirken, große Bedeutung bei.[5] Wie die Moskauer Zeitung ergänzt, gerate der englische Imperialismus in Wut bei dem Gedanken, dass der deutsch-russische Vertrag vollzogen sei.[6] Die Prawda warnt hingegen auch vor einer Unterschätzung des wirtschaftlichen Drucks auf Deutschland und fordert eine weitere Stärkung der Wirtschaftsverbindung.[3]

Die Berliner Presse billigt den Vertrag einmütig, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven.[7] Die Organe der Regierungskoalition, wie die Germania und die Tägliche Rundschau, feiern das Werk als Brücke zwischen Ost und West.[7] Die Blätter der Rechten begrüßen die Wiederherstellung der Hauptverbindung nach Russland, kritisieren jedoch die Regierung für ihr Festhalten an der Locarnopolitik.[7] Dem Vorwärts zufolge erhofft man sich ähnliche Verträge mit anderen Mächten, um eine schrittweise Annäherung an den Völkerbund zu ermöglichen.[7] Die kommunistische Rote Fahne wiederum betrachtet das Abkommen als Symbol der sich reichenden Hände der Arbeiter und Bauern Deutschlands und Russlands.[7]

Im Völkerbundsekretariat in Genf wird der Wortlaut der Dokumente vorläufig mit ruhiger Zurückhaltung erörtert.[5] Man hält den Notenwechsel für das aufschlussreichere Dokument und ist nicht unzufrieden mit der darin gegebenen Definition der Völkerbundaufgaben.[5] Die Offenheit, mit der Deutschland seine Auffassung über den Artikel 16 im Zusammenhang mit dem russischen Problem darlegt, wirkt in Genf eher beruhigend als beunruhigend.[5] In Frankreich sind die Sorgen derweil nicht zerstreut.[8] Nach Angaben des Temps wolle Deutschland sich die Möglichkeit offenhalten, in einer schicksalhaften Stunde zwischen den Westmächten und Sowjetrussland zu wählen.[8] Der Homme Libre befürchtet sogar, die Sowjetunion werde im Gefolge Deutschlands in den Völkerbund einziehen und dort ohne eigene Verpflichtungen Einfluss nehmen.[8] In Paris findet ein reger Meinungsaustausch mit London statt, allerdings ist es noch zu früh, von gemeinsamen diplomatischen Schritten in Berlin zu sprechen.[8] In der Tschechoslowakei erhebt man gegen die Artikel des Vertrages wegen ihrer allgemeinen Fassung wenig Einwände; der Ton des Notenwechsels hat jedoch einige Verstimmung ausgelöst.[4] Die tschechische Presse beschränkt sich vorläufig zumeist auf den einfachen Abdruck der diplomatischen Noten.[4] Die Zeitung Narodni Listy hält die Neutralitätserklärung jedoch für gefährlich, da Deutschland sich eine Hintertür offenlasse, um sich den Verpflichtungen aus Artikel 16 zu entziehen, falls Russland als Angreifer auftrete.[4]