Der Name Rothschild ist in Frankreich auf zahlreichen Gebieten von Bedeutung — sei es in der Finanzwelt, im Pferdesport oder in den Künsten.[1] Dass nun ein Mitglied der Familie politische Ambitionen in bemerkenswerter Weise umsetzt, beschäftigt derzeit die französische Kammer.[1] Baron Maurice de Rothschild, der 1924 sein Mandat in Lourdes an den Bankier Achille Fould verlor, wandte sich bei einer Nachwahl dem kleinen Departement der Hochalpen zu.[1] Obwohl dieses traditionell dem Linksblock zuneigt, trat der konservative Rothschild kurzerhand als Radikalsozialist auf.[1]
Wie die Badische Presse ausführlich darlegt, befasst sich nun ein 407 Seiten starker Untersuchungsbericht der Kammer mit den Methoden dieses Wahlkampfes.[1] Rothschild berief sich darauf, keine Bestechung begangen zu haben, sondern lediglich „Wohltätigkeitsakte“ ausgeübt zu haben.[1] Tatsächlich bedachte er kinderreiche Familien mit 50 bis 150 Franken. Ein italienischer Wähler mit neun Kindern ging allerdings wegen seiner Nationalität leer aus.[1] Ferner kaufte der Milliardär Uniformen für ländliche Feuerwehren und versprach den Bau von Sägewerken sowie elektrischen Lichtanlagen.[1] Einer Höheren Töchterschule stellte er ein Klavier in Aussicht.[1] In den Dörfern lud er nicht nur die Bürgermeister, sondern die gesamte männliche Bevölkerung auf seine Kosten in die Wirtshäuser ein.[1]
Besonderes Aufsehen erregt jedoch die Rolle des sozialistischen Abgeordneten Cluzel.[1] Dieser forderte von Rothschild 55.000 Franken; ein Teil der Summe sollte dazu dienen, Gegenkandidaten zum Rücktritt zu bewegen, ein anderer Teil wurde für Cluzels eigene Spesen verwendet.[1] Rothschild zahlte die Summe in Banknoten, nachdem Cluzel die Ausstellung entsprechender Schecks abgelehnt hatte.[1] Als Rothschild sich daraufhin weigerte, weitere 200.000 Franken für die publizistische Unterstützung durch Cluzels Zeitung zu zahlen, wandte sich Cluzel gegen ihn und focht die Wahl an.[1]
Vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss legte Rothschild daraufhin Cluzels kompromittierende Bettelbriefe vor. Dadurch geriet die Kammermehrheit in erhebliche Verlegenheit.[1] Um einen noch größeren Skandal abzuwenden, beantragte die Kommission schließlich, die Wahl Rothschilds für gültig zu erklären.[1] In den kommenden Tagen wird eine heftige Debatte erwartet, da die Kommunisten die Sozialisten wegen Cluzels Parteizugehörigkeit angreifen dürften.[1] Allein die Drucklegung des Berichts verschlang 30.000 Franken, während der Wahlerfolg den Baron insgesamt 1,5 Millionen Franken kostete.[1]