Die Bemühungen, zwischen den Parteien einen Kompromiss in der Frage der Fürstenabfindung zustande zu bringen, müssen endgültig als gescheitert angesehen werden.[1] Nach 36 arbeitsreichen Sitzungen und rund 100 emsigen Besprechungen hat der Rechtsausschuss des Reichstages seine Beratungen auf unbestimmte Zeit vertagt.[2][1] Der ganze Ernst dieser festgefahrenen innerpolitischen Lage trat am gestrigen Mittwoch deutlich zutage.[3] Weder die Zustimmung der Sozialdemokraten noch die der Deutschnationalen war für den Kompromissentwurf zu erlangen.[1] Am Mittwochnachmittag traten die Vertreter der Regierungsparteien noch einmal zu einer Krisensitzung zusammen, die jedoch ohne Ergebnis verlief.[3]

Die Spannungen entluden sich anschließend im Plenum des Reichstages.[3] Die Sitzung begann — ganz im Gegensatz zu den späteren hitzigen Wortgefechten — mit einer feierlichen Ehrung. Parlamentspräsident Löbe beglückwünschte den Alterspräsidenten Bock-Gotha zu dessen 80. Geburtstag.[4] Der Platz des Jubilars war mit einem großen Strauß roter Nelken geschmückt.[3] Löbe erinnerte das Haus daran, dass der Abgeordnete dem Parlament mit kurzen Unterbrechungen bereits seit 42 Jahren angehöre, was ein seltenes Ereignis in der parlamentarischen Geschichte darstelle.[4] Nach dieser einmütigen Würdigung wurde der Gesetzentwurf zur Bestrafung des Zweikampfes aufgerufen und nach einer knappen Dringlichkeitserklärung von Reichsjustizminister Marx an den Rechtsausschuss überwiesen.[3][5]

Im Anschluss daran begann die lang erwartete Debatte über den sozialdemokratisch-kommunistischen Gesetzentwurf zur entschädigungslosen Enteignung der Fürstenvermögen.[5] Die Abgeordneten der Völkischen Partei nutzten die Gelegenheit sofort für einen Vorstoß und verlangten durch den Abgeordneten Fritsch, die Beratung mit einem eigenen Antrag zu verbinden.[1] Dieser zielt laut Angaben der Sächsischen Staatszeitung auf die sofortige Enteignung sogenannter „Bank- und Börsenfürsten“ ab.[4][1]

Für die Sozialdemokraten begründete der Abgeordnete Rosenfeld den Entwurf.[2] Er bezeichnete das Ergebnis des jüngsten Volksbegehrens als bedeutenden Erfolg seiner Partei.[4] Dass zwölfeinhalb Millionen deutsche Männer und Frauen ihre Unterschrift gegeben hätten, beweise, dass die Wähler in diesem Fall einsichtsvoller gewesen seien als mancher Parteiführer der Rechten.[5] Rosenfeld griff die ehemaligen Herrscherhäuser scharf an und warf ihnen unersättliche Gier nach Reichtum vor.[5] Das Volk sei von den Fürsten in den Krieg gestürzt worden, weshalb diese für das Unglück Deutschlands voll verantwortlich seien.[5] Besonderen Unmut rief seine Feststellung hervor, dass sich unter den Fürsten, die von den Deutschnationalen verteidigt wurden, auch englische, russische und montenegrinische Staatsangehörige befänden.[5] Um die moralische Berechtigung der Enteignung zu betonen, stellte der Redner eine Rechnung auf: Es sei ungerecht, dass ein Kriegsbeschädigter täglich 27 Pfennig und ein Erwerbsloser 51 Pfennig erhalte, während der ehemalige Kaiser Wilhelm II. täglich 1870 Mark beziehe.[5] Zugleich griff Rosenfeld die deutsche Justiz an und kritisierte, dass sich diese in ihren Urteilssprüchen nicht von veralteten Rechtsanschauungen habe freimachen können.[4]

Die Antwort der Rechten ließ nicht auf sich warten. Graf Westarp von der Deutschnationalen Volkspartei hielt eine Gegenrede von einer Vehemenz, wie sie selbst in parlamentarischen Kreisen kaum jemand erwartet hatte.[2] Er hielt den Sozialdemokraten entgegen, sie hätten die 27 Millionen Wahlberechtigten verschwiegen, die sich nicht in die Listen eingetragen hätten und somit faktisch gegen die Enteignung seien.[5] Westarp warf der Linken vor, die Agitation mit „faustdicken Unwahrheiten“ betrieben zu haben, und sprach von einer „trockenen Revolution“ gegen Wehrlose.[5] Seine Ausführungen wurden von Unruhe und wütenden Zwischenrufen von der linken Seite des Hauses begleitet.[5]

Auch in der Mitte des Parlaments kam es zu Tumulten. Wie das Hamburger Echo berichtet, sorgte die scharfe Erklärung des Zentrumsabgeordneten Schulte für erhebliche Empörung.[6] Schulte wandte sich entschieden gegen jene Zentrumswähler, die das Volksbegehren unterstützt hatten, und warnte davor, dass die radikale Enteignung die „Begehrlichkeit der Massen“ schüre.[6] Diese Formulierung provozierte auf den Tribünen einen offenen Eklat: Ein Zuhörer rief erregt Zwischenrufe in den Saal hinab und musste von den Saaldienern umgehend hinausgeführt werden.[6] Später ergriff noch der Abgeordnete Everling das Wort, um als Anwalt die finanziellen Interessen des Herzogs von Altenburg zu vertreten, was auf der linken Seite des Hauses Heiterkeit hervorrief.[6]

Für die Reichsregierung bemühte sich Innenminister Külz, die Wogen politisch zu glätten.[2] Er wies den Vorwurf mangelnder Initiative zurück, der zuvor im Ausschuss von mehreren Seiten gegen das Kabinett erhoben worden war.[2] Külz betonte, dass dem Instrument des Plebiszits nur sehr bedingte Zweckmäßigkeit zukomme und der ordentlichen parlamentarischen Gesetzgebung in jedem Fall der Vorrang zu geben sei.[2]

Wie verfahren die Lage am Ende des ersten Kampftages war, zeigte sich in den späten Abendstunden. Die Fraktionen der Regierungsparteien traten einzeln zusammen und verabschiedeten Beschlüsse, die kaum Raum für eine rasche Einigung lassen.[2] Dem Berliner Tageblatt zufolge halten die Demokraten strikt an ihrem Zusatzantrag fest.[5] Die Deutsche Volkspartei lehnt sowohl den sozialdemokratischen als auch den demokratischen Antrag entschieden ab.[1] Das Zentrum wiederum plant laut dem Harburger Tageblatt die Einbringung eines eigenen Vermittlungsantrages in der zweiten Lesung, zu dem die übrigen Parteien noch nicht offiziell Stellung bezogen haben.[2][7] Nach Angaben der Badischen Presse ist das endgültige Scheitern einer gerechten Lösung darauf zurückzuführen, dass sich Teile der Rechten von der Hoffnung auf das Scheitern des Volksentscheids leiten ließen, während die Sozialdemokraten nie offenbarten, ob sie einen bürgerlichen Kompromiss überhaupt tolerieren würden.[8] Die innerparlamentarische Verwirrung greift somit in bedrohlicher Weise um sich.[2]