In den späten Abendstunden ist in der amerikanischen Hauptstadt eine historische Einigung über die Fundierung der französischen Kriegsschulden erzielt worden.[1] Der französische Botschafter Henri Bérenger und der amerikanische Schatzsekretär Andrew W. Mellon haben einen Vertrag unterzeichnet. Dieser ordnet die finanziellen Verpflichtungen Frankreichs gegenüber den Vereinigten Staaten endgültig neu.[2][3] Für das Kabinett Briand bedeutet der Vertragsabschluss einen bedeutenden außenpolitischen Erfolg.[4] Nach Berichten der Neuen Freien Presse billigte die Schuldenkommission des amerikanischen Kongresses das Werk rasch. Anschließend erteilte auch Präsident Calvin Coolidge nach einer dreiviertelstündigen Beratung seine Zustimmung.[2][1] Damit findet ein zähes Ringen, das seit dem ergebnislosen Abbruch der Verhandlungen unter dem früheren französischen Finanzminister Joseph Caillaux in eine Sackgasse geraten schien, seinen formellen Abschluss.[2]

Das ausgehandelte Abkommen sieht nach Angaben der Badischen Presse vor, dass Frankreich über einen Zeitraum von 62 Jahren eine Gesamtsumme von 6,847 Milliarden Dollar zu entrichten hat.[2] Die zu fundierende ursprüngliche Schuld beläuft sich auf gut 4,025 Milliarden Dollar.[5] Für die ersten beiden Jahre sind vergleichsweise niedrige Annuitäten von jeweils 30 Millionen Dollar vorgesehen.[2][6] Diese Summe wird in den folgenden zwei Jahren auf 32,5 Millionen gesteigert. Nach fünfzehn Jahren sollen schließlich Zahlungen von 125 Millionen Dollar einsetzen.[2][7] Bezüglich der Verzinsung kam Washington den französischen Wünschen in der Anfangsphase entgegen. In den ersten fünf Jahren der Laufzeit werden keine Zinsen erhoben.[2][7] Danach tritt eine anfängliche Verzinsung von einem Prozent für zehn Jahre in Kraft. Diese wird schrittweise über verschiedene Zeiträume auf bis zu 3,5 Prozent in den letzten 22 Jahren des Vertrages angehoben.[2][7]

Ein wesentlicher politischer Streitpunkt war bis zuletzt die von Paris hartnäckig geforderte Sicherungsklausel.[5] Frankreich hatte ursprünglich darauf bestanden, seine Zahlungen an Amerika strikt an den Eingang der deutschen Reparationsleistungen zu koppeln.[5] Im unterzeichneten Text fehlt eine solche Schutzklausel jedoch völlig.[2][7] Die französischen Verpflichtungen bestehen somit unabhängig von den deutschen Zahlungen.[2] Wie die Badische Presse berichtet, wurde Frankreich jedoch eine begrenzte Aufschubmöglichkeit für die Anfangsphase zugestanden: 90 Tage vor einer Verfallfrist darf Frankreich erklären, dass es in den ersten fünf Jahren statt der geforderten Rate nur 20 Millionen Dollar zahlen kann. Der gestundete Rest von zehn Millionen Dollar wird jeweils drei Jahre später fällig.[2]

In amerikanischen Regierungskreisen gilt der Abschluss als deutlicher Verhandlungserfolg und als Sieg der eigenen Diplomatie.[5] Dem Berliner Tageblatt zufolge trug der letzte amerikanische Gegenvorschlag an Paris nahezu ultimativen Charakter.[6] Die Washington Post rechnet vor, dass die Vereinigten Staaten mit dem Bérenger-Vertrag — berechnet auf einer Zinsbasis von 4,25 Prozent — rund 60 Cent für jeden geliehenen Dollar zurückerhalten.[5] Im Vergleich schneidet Frankreich damit erheblich schlechter ab als Italien. Dieses Land hatte bei seiner Schuldenregelung Zugeständnisse erhalten, nach denen faktisch nur 26 Cent pro Dollar zurückgezahlt werden mussten.[5] Das jetzige Abkommen übersteigt zudem die früher von Caillaux angebotenen Summen beträchtlich. Caillaux hatte eine längere Laufzeit von 68 Jahren sowie maximale Jahreszahlungen von lediglich 100 Millionen Dollar vorgeschlagen.[5] Die amerikanische Öffentlichkeit hatte in den vergangenen Wochen ungeduldig auf eine Begleichung gedrängt und den einstigen Verbündeten wiederholt darauf hingewiesen, dass eine reiche Großmacht die Erfüllung ihrer Verbindlichkeiten nicht länger hinausschieben dürfe.[2]

Die Begleitumstände der Unterzeichnung waren eigentümlich. Selbst Mitglieder der französischen Regierung wussten um Mitternacht noch nicht, dass der Vertrag in Washington bereits signiert war.[2] Einzelne Minister zogen die erste amerikanische Depesche stark in Zweifel.[2] Pariser Bankkreise schienen in den späten Abendstunden jedoch besser informiert zu sein als die amtlichen Stellen. Dies zeigte sich an den Devisenmärkten, wo nach 18 Uhr das Pfund Sterling um einen halben Punkt billiger angeboten wurde als während des restlichen Tages.[2] In London bot man das Pfund zeitweise zu 146 an, während es in Paris am Nachmittag noch zu 148 und am Abend zu 147,5 notierte.[2]

Trotz dieser anfänglichen Verwirrung überwog in Paris am Ende die realistische Einsicht, dass ein weiteres Hinauszögern unmöglich geworden waren.[2] Die Regierung erhofft sich durch die Regelung der Schuldenfrage die dringend benötigte Unterstützung Amerikas für die Sanierung der Staatsfinanzen und zur Stabilisierung des Franken.[2] Ob das mühsam ausgehandelte Vertragswerk jedoch tatsächlich über sechs Jahrzehnte Bestand haben wird, bezweifeln aufmerksame Beobachter bereits am Tag der Unterzeichnung. So zitiert der Hong Kong Telegraph die New York Times mit der Einschätzung, es sei sicher, dass Europa derartige finanzielle Lasten nicht über zwei Generationen hinweg ohne Protest tragen werde.[7]