— Josif Wissarionowitsch Stalin, der Generalsekretär des Exekutivkomitees der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion, hat in Leningrad eine programmatische Rede zur ökonomischen Lage gehalten.[1] Der siebenundvierzigjährige Georgier, dessen bürgerlicher Name Dshugashwili lautet, gilt Beobachtern inzwischen als der eigentliche starke Mann Russlands.[1] Wie die Neue Freie Presse berichtet, bezeichnete der Politiker den gegenwärtigen Augenblick als einen historischen Wendepunkt der sozialistischen Struktur.[1]
Stalin betonte, die Industrialisierung könne ausschließlich durch die sogenannte sozialistische Akkumulation vollendet werden.[1] Als Fundament dieses Systems nannte er die Nationalisierung des Grundbesitzes und der Industrie, das Außenhandelsmonopol sowie die Nichtanerkennung der alten zaristischen Schulden.[1] Er erklärte, es sei zwingend erforderlich, dass das im Lande aufgehäufte Kapital dem Staat und den kooperativen Kreditinstituten durch innere Anleihen zufließe.[1] Alle Nebenwege, auf denen private Akteure sich diese Überschüsse aneignen könnten, müssten konsequent geschlossen werden, damit die sozialistische Wirtschaftskraft nicht geschwächt werde.[1] Zudem müsse man den Gegensatz zwischen Großhandels- und Kleinhandelspreisen beseitigen, um den Wert der Währung zu stabilisieren. Darüber hinaus sollten alle materiellen Reserven in die Hände der Regierung gelangen.[1]
Einen unerwarteten Höhepunkt erreichte die Leningrader Rede durch Stalins heftige Angriffe auf die eigenen Verwaltungsstrukturen.[1] Er kritisierte die bürokratischen Auswüchse der staatlichen Planwirtschaft scharf und warf verantwortlichen Funktionären eine verbrecherische Verschwendung von Staatsgeldern vor.[1] Kommunisten seien in dieser Hinsicht oft schlimmer als Parteilose, da sie den Staat wie ein privates Familieneigentum behandelten.[1] Laut den Ausführungen der Neuen Freien Presse sprach Stalin wörtlich von einem „Bacchanal von lustiger Räuberei“, das derzeit durch das Land gehe.[1] Millionen von Rubeln würden sinnlos für Jubiläen und Feste ausgegeben, während die Verantwortlichen in der Öffentlichkeit nicht verachtet, sondern als geschickte Leute bewundert würden.[1]
Darüber hinaus richtete der Generalsekretär scharfe Worte an die russische Arbeiterschaft.[1] Er beklagte den Verlust von Hunderttausenden von Werktagen durch unentschuldigtes Fehlen und mangelhafte Pflichterfüllung.[1] Ein wirklicher Fortschritt und höhere Löhne seien nur möglich, wenn ein entschlossener Kampf für die Arbeitsdisziplin geführt werde.[1] Zugleich forderte er die Arbeiter auf, sich mit den Bauern zu einem festen Bündnis zu verbinden.[1] Das Land dürfe nicht als bloßes Ausbeutungsobjekt betrachtet werden. In dieser Allianz müsse jedoch die führende Rolle bei den Arbeitern verbleiben, damit die alten Klassen endgültig überwunden würden.[1]
Seine Äußerungen verdeutlichen die fortdauernde Krise der Sowjetwirtschaft.[1] Selbst regierungsnahe Moskauer Blätter warnen mittlerweile vor einer Überschreitung des Budgets und einem Rückgang der Steuereinnahmen.[1] Stalins schonungslose Abrechnung scheint ein deutlicher Warnruf an die Genossen zu sein, dem wirtschaftlichen Niedergang des Systems mit Strenge entgegenzuwirken.[1]