— Am kommenden 6. Mai wird Professor Sigmund Freud, der ebenso gefeierte wie umstrittene Schöpfer der Psychoanalyse, sein siebzigstes Lebensjahr vollenden. Zu diesem Anlass bereitet sich die wissenschaftliche Welt auf Ehrungen vor, die dem Wiener Arzt aus allen Teilen Europas und Amerikas zuteilwerden sollen. Laut der Neuen Freien Presse plant die internationale psychoanalytische Bewegung umfangreiche Festlichkeiten, um das Lebenswerk des Jubilars zu würdigen.[1]
Die Lehre Freuds, die das Unbewusste in das Zentrum der seelischen Betrachtung rückt, hat in den vergangenen Jahrzehnten erbitterte Debatten ausgelöst. Dennoch durchdrangen seine Theorien nicht nur die medizinische Fachwelt, sondern übten auch einen gewaltigen Einfluss auf die moderne Literatur und Philosophie aus.[2] Nach Angaben der Kölnischen Zeitung bereiten zahlreiche internationale Fachverbände Grußadressen vor, die dem Begründer der Traumdeutung an seinem Ehrentag überreicht werden sollen.[1] Dem Berliner Tageblatt zufolge reisen etliche seiner engsten Schüler eigens nach Wien, um ihrem Lehrer persönlich ihre Aufwartung zu machen.[2]
Der Jubilar selbst wird den Tag voraussichtlich in aller Stille verbringen. Freud, der seit Längerem gesundheitlich angeschlagen ist, meidet zumeist die große öffentliche Bühne. Trotzdem bleibt sein geistiges Wirken ungebrochen.[1] Wie aus akademischen Kreisen Wiens verlautet, beweist die anhaltende Diskussion um Freuds Schriften zweifelsfrei die Bedeutung seiner Werke. Die psychoanalytische Schule ist aus der modernen Geistesgeschichte nicht mehr wegzudenken und gilt bereits jetzt als einer der zentralen Eckpfeiler der neuen psychologischen Wissenschaft.[2]