Der eiskalte Kontinent im hohen Norden wird in diesen Frühjahrstagen zum Schauplatz eines beispiellosen Wettbewerbs der Nationen. Wie die in Hongkong erscheinende China Mail meldet, ist die Polarexpedition des amerikanischen Kommandanten Richard E. Byrd wohlbehalten in der Kings Bay auf Spitzbergen eingetroffen.[1] Der Amerikaner beabsichtigt, den Nordpol mit zwei Flugzeugen von einer rund 1400 Meilen entfernten Basis aus zu erreichen.[1] Seine schwimmende Basis, der Dampfer Chantier, erreicht eine Geschwindigkeit von fast zehn Knoten und hat für das Vorhaben große Vorräte geladen.[1] Die Laderäume sind bis unter das Deck mit Kohle gefüllt. Zusätzlich werden 41.800 Gallonen Flugbenzin sowie Lebensmittel für ein halbes Jahr mitgeführt.[1]
Während das amerikanische Lager eifrig rüstet und insgesamt etwa 10.000 Flugmeilen zurücklegen will, sehen sich Roald Amundsen und der italienische Major Umberto Nobile mit erheblichen Rückschlägen konfrontiert.[1] Die Badische Presse berichtet aus Leningrad, dass Nobile als Führer des Nordpolluftschiffes Norge persönlich den Erfolg der gesamten Unternehmung infrage stellt.[2] Die Errichtung des dringend benötigten Ankermastes auf Spitzbergen verzögert sich so erheblich, dass ein Abflug vor Anfang Mai ausgeschlossen ist.[2] Nobile, dessen Luftschiff sich nun schon seit zwei Wochen in der russischen Metropole befindet, erklärte unumwunden: „Ich fürchte, wenn wir hier noch länger bleiben müssen, wird es überhaupt zu spät werden.“[2]
Die Nachrichten aus dem Polargebiet bestätigen die düsteren Erwartungen des Italieners voll und ganz. Laut der finnischen Zeitung Helsingin Sanomat hat anhaltender Schneefall auf Spitzbergen die dortige Schmalspurbahn vollständig verschüttet.[3] Der Transport der Baumaterialien für das Schutzdach des Luftschiffs ist deshalb nahezu unmöglich geworden. Dabei wurden eigens 160 Seeleute für die Errichtung herangezogen.[3] Amundsen sieht sich vorerst außerstande, einen genauen Abflugtermin zu benennen.[3] Das schlechte Wetter setzt der wartenden Norge zudem stark zu, da der zunehmende Gasverlust ständige Eingriffe erfordert. Am gestrigen Tag mussten allein 1000 Kubikmeter Wasserstoff in die Ballonhüllen gepumpt werden.[3]
Die amerikanische Expedition profitiert hingegen davon, dass sie nicht auf so aufwendige Verankerungsanlagen angewiesen ist. Nach Angaben der China Mail verfügen Byrds Flugzeuge über die modernsten Navigationsinstrumente, darunter verbesserte Sonnenkompasse und hochpräzise Erdinduktionskompasse.[1] Byrd zeigt sich zuversichtlich, noch im Laufe des Monats Mai eine sichere Landung am Kap Morris Jesup durchführen zu können.[1]
Wie schwierig jede polare Landung ist, erinnert die Madrider Tageszeitung El Sol. Das Blatt verweist auf die erheblichen Schwierigkeiten einer Landung auf den driftenden Eismassen, an denen Amundsen noch im vergangenen Jahr bei 87 Grad und 43 Minuten nördlicher Breite beinahe gescheitert war.[4] Bei jenem Versuch gelang es ihm nicht, die noch nicht überquerte Polarregion von Spitzbergen bis nach Alaska zu überwinden, da das sich aufschiebende Eis die Flugmaschinen fast zerdrückt hätte.[4] Ob nun das große Luftschiff oder die wendigen amerikanischen Flugzeuge den Nordpol als Erste erreichen, wird sich in den kommenden Tagen zeigen.