Dem morgigen Ersten Mai blicken die europäischen Hauptstädte mit einer Mischung aus gewohnter Wachsamkeit und relativer Gelassenheit entgegen. Wie der Pariser Temps anmerkt, dürfte die traditionelle Kundgebung der Arbeiterschaft in diesem Jahr vergleichsweise ruhig verlaufen, da der Feiertag auf einen Sonnabend fällt und viele Betriebe ohnehin die sogenannte „englische Woche“ mit freiem Samstagnachmittag eingeführt haben.[1] Dennoch haben die internationalen Gewerkschaftszentralen ihre Aufrufe zur Mobilisierung erlassen.

Das Spektrum der Forderungen ist breit gefächert. Die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale ruft die Arbeiterschaft auf, in geschlossenen Reihen für den Achtstundentag, die Arbeiterkontrolle und den wahren Weltfrieden zu demonstrieren.[1] Im Gegensatz dazu präsentiert die Rote Gewerkschaftsinternationale in Moskau ein radikaleres Programm in siebzehn Punkten, das sich unter anderem scharf gegen den Völkerbund und das Internationale Arbeitsamt in Genf richtet.[1] In Frankreich rufen beide großen gewerkschaftlichen Verbände zur generellen Arbeitsruhe auf.[1] Die radikaleren unierten Syndikalisten fordern darüber hinaus eine Erhöhung der Löhne, die Verstaatlichung der großen Banken sowie einen sofortigen Frieden in Marokko und Syrien.[1]

Während die öffentlichen Versorgungsbetriebe für Gas und Elektrizität in Paris voraussichtlich ungestört weiterarbeiten werden, haben die Taxifahrer und Teile der Metallarbeiterschaft einen Streik angekündigt.[1]

Trotz der überwiegend moderaten Grundstimmung in der Hauptstadt sorgt ein Vorfall in der französischen Provinz für erhebliches Aufsehen. Dem Figaro zufolge hat der Bürgermeister der Stadt Nevers ein offizielles Festprogramm anberaumt. Dieses beinhaltet neben einem Ehrenwein und städtischen Illuminationen auch das Abspielen der „Internationale“ auf dem zentralen Platz.[2] Das konservative Blatt kritisiert dieses Vorgehen aufs Schärfste und konstatiert sarkastisch, man habe nun ein kommunistisches Kampflied de facto in den Rang eines offiziellen Festgesangs erhoben.[2] Parallel dazu weisen britische Berichte auf eine verstärkte revolutionäre Propaganda in der Armee und Marine Großbritanniens hin.[2]

In Deutschland werden im Vorfeld des Feiertags ebenfalls gewerkschaftliche Auseinandersetzungen erwartet. Laut der Sächsischen Staatszeitung haben die Berliner Buchdrucker in einer außerordentlichen Delegiertenversammlung die Arbeitsruhe für den Ersten Mai beschlossen.[3] Auch bei der Drucklegung der kommunistischen Humanité in Paris wird es zu Ausfällen kommen, da sich die Typografen dort entgegen den Wünschen der Parteileitung dem Ausstand anschließen.[1] Vor dem Hintergrund möglicher Streiks verschärft sich in Deutschland die Kritik an Einrichtungen, die der Aufrechterhaltung der Infrastruktur dienen. Der Vorwärts attackiert die Technische Nothilfe scharf und bezeichnet sie als ein Zentrum reaktionärer Umtriebe, dessen eigentlicher Zweck es sei, den legitimen Widerstand der Arbeiter zu brechen.[4]

Deutlich angespannter stellt sich die Lage in Osteuropa und Asien dar. Nach Angaben der Prawda mobilisiert die Warschauer Polizei im Vorfeld der Kundgebungen sogenannte Tagelöhner, um mit diesen unregulären Kräften energisch gegen zu erwartende Demonstrationen vorzugehen.[5] Auch aus dem Fernen Osten werden strenge Unterdrückungsmaßnahmen gemeldet. Die in China herrschenden Generäle, darunter Tschangtsolin (Zhang Zuolin) und Upeifu (Wu Peifu), haben sämtliche Feierlichkeiten zum 1. Mai in ihren militärischen Machtbereichen ausdrücklich untersagt.[5]