Die britische Kohlenindustrie steht vor dem vollständigen Stillstand, nachdem alle diplomatischen Bemühungen in der vergangenen Nacht endgültig gescheitert sind.[1] Wie die Neue Freie Presse meldet, trat das britische Kabinett am späten Abend nochmals zusammen, musste jedoch kurz vor Mitternacht offiziell bekannt geben, dass die Verhandlungen in eine Sackgasse geraten seien.[2] Mit dem Ablauf der staatlichen Subventionen für den Bergbau setzten die Grubenbesitzer ihre angedrohten Aussperrungsmaßnahmen pünktlich um Mitternacht in Kraft.[1][2]
Die Zuspitzung der Krise rief höchste staatliche Stellen auf den Plan. Nach Angaben der Badischen Presse eilte König George V. aufgrund der Verschärfung der Lage von Schloss Windsor unverzüglich nach London. Im Buckingham-Palast wollte er die weiteren Entwicklungen persönlich verfolgen.[3] Angesichts der unabwendbaren Aussperrung in den Gruben hat der Monarch den nationalen Notstand proklamiert.[4] Dem Hong Kong Telegraph zufolge hatte das Gesundheitsministerium bereits zuvor die lokalen Behörden in einem Rundschreiben angewiesen, zivile Notfallorganisationen und Freiwilligendienste in Bereitschaft zu versetzen, um die Aufrechterhaltung lebenswichtiger Versorgungsstrukturen sicherzustellen.[5]
Der Konflikt im Bergbau droht nun auf die gesamte britische Wirtschaft überzugreifen. Als Antwort auf die Proklamation des Königs rief der britische Gewerkschaftskongress einen landesweiten Generalstreik aus, der am kommenden Dienstag beginnen soll.[4] Laut der Washington Times haben die Gewerkschaften zugesichert, die Verteilung von Lebensmitteln sowie ein Mindestmaß an Transportdiensten aufrechtzuerhalten.[4] Die Regierung reagierte auf diese Ankündigung mit drastischen Maßnahmen. Das Kriegsministerium veranlasste umgehend die Entsendung von Militär in die Kohlereviere.[4] Truppenabteilungen sind bereits auf dem Weg nach Südwales, Lancashire und Schottland. Im Raum London wurden Soldaten zur Bewachung von Gaswerken, Elektrizitätswerken und Wasserversorgungseinrichtungen abgestellt.[4]
Der genaue Verlauf der gescheiterten Verhandlungen am Freitag zeigt, wie unüberbrückbar die Standpunkte waren. Der Premierminister hatte gemeinsam mit Arbeitsminister Sir Arthur Steel-Maitland sowie dem Staatssekretär für das Bergwesen, Colonel Lane Fox, bis zuletzt vermittelt.[5] Die Grubenbesitzer legten neue Lohnvorschläge und einen nationalen Mindestlohn vor. Sie forderten im Gegenzug eine Revision der Arbeitszeiten.[5] Diese Angebote wurden von den Vertretern der Bergarbeiter nach ausführlichen Beratungen mit dem Gewerkschaftskongress kategorisch abgelehnt.[5]
Die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen dieses Arbeitskampfes werden in Regierungskreisen mit großer Sorge betrachtet. Außenminister Sir Austen Chamberlain erklärte in einer Rede vor konservativen Frauen in der Londoner Albert Hall, die schwere Krise trete in einem Moment ein, in dem sich die wirtschaftliche Lage des Landes spürbar zu erholen begonnen habe.[3] Die Zahl der Arbeitslosen war nach Regierungsangaben erstmals seit Jahren unter die Grenze von einer Million gesunken.[3] Im März lag die Arbeitslosigkeit um zwölf Prozent niedriger als im Vorjahr. Diese Entwicklung droht durch den Konflikt zunichtegemacht zu werden.[2] Chamberlain betonte, dass jeder Haushalt im Land die Folgen des Streiks verspüren werde.[3]
In den Reihen der Arbeiterschaft herrscht unterdessen eine Atmosphäre der Entschlossenheit. Die Washington Post zitiert J. H. Thomas, den Sekretär der nationalen Eisenbahnergewerkschaft. Er erklärte nach einer nächtlichen Sitzung, die Arbeiterbewegung des Landes habe noch nie einer derart ernsten Krise gegenübergestanden.[1] Er warf der Regierung offene Inkompetenz bei der Bewältigung der Lage vor.[1] Kommt keine Einigung in letzter Minute zustande, steht Großbritannien vor einer industriellen Konfrontation, deren Ausmaß selbst den verheerenden Kohlenstreik von 1921 übertreffen könnte.[1]