Der 1. Mai ist auch in diesem Jahr wieder zum weltweiten Manifest der organisierten Arbeiterklasse geworden, wenn auch unter dem Vorzeichen der Zerrissenheit. Wie der Vorwärts betont, ist der Weltfeiertag der Arbeit in Deutschland, da die Nationalversammlung von Weimar den 1. Mai einst nur für das Jahr 1919 zum allgemeinen Feiertag bestimmte, erneut zum Tag es Kampfes geworden. In jedem Jahr, in jeder Stadt und Fabrik, muss er von neuem erkämpft werden.[1] Dennoch bleibt der Gedanke der Maifeier mit der Gemütswelt der klassenbewussten deutschen Arbeiterschaft untrennbar verbunden.[1] Die historischen Wurzeln dieses Tages, der 1889 in Paris anlässlich der hundertjährigen Wiederkehr des Bastillesturms zum Kampf für den Achtstundentag ausgerufen wurde, spiegeln sich in den anhaltenden Kämpfen gegen Aussperrungen und Maßregelungen wider.[1]
Heute rückt jedoch ein anderes Ziel in den Vordergrund: die Erhaltung des Friedens. Nach Berichten des Hamburger Echo konzentrieren sich die europäischen Sozialisten auf die Unterstützung des Völkerbundes. Es sei dessen Aufgabe, die Völker auf den Weg des Rechts zu führen, bevor sie zur Gewalt greifen.[2] Die Parole der organisierten Arbeiterschaft am 1. Mai lautet die Verkündung ihrer Friedensideale. Denn nur auf Grundlage der Arbeit, der Quelle des Lebens, kann ein wahrer Friede entstehen.[2] Der englische Arbeiterführer Ramsay MacDonald übermittelte der deutschen Arbeiterschaft herzliche Grüße. Er betonte, dass der Sozialismus die einzige Hoffnung des europäischen Kontinents geworden sei, während Reaktion und Kommunismus den Untergang bedeuteten.[2] Auch Arthur Henderson sandte im Namen der britischen Arbeiterpartei brüderliche Grüße und forderte einen unerbittlichen Kampf gegen Militarismus, Imperialismus und Krieg.[2] Rudolf Breitscheid erklärte zudem, der wahre und dauernde Friede sei nur auf der Basis eines international verwirklichten Sozialismus zu errichten.[2]
Während die Reformisten die Annäherung durch Völkerbund und internationale Verträge wie Locarno begrüßen, spitzt sich die Lage andernorts zu. Die Pravda meldet, dass in Italien der Ministerrat jegliche Umzüge und Demonstrationen am 1. Mai verboten habe.[3] In Frankreich haben die Besitzer vieler Betriebe den 1. Mai zum arbeitsfreien Tag erklärt, um den Kommunisten den Vorwand für Aufmärsche vor den Betrieben zu nehmen. In Paris wurden Straßenbahner und Busfahrer freigestellt, sofern sie sich vorher meldeten.[3] Für Deutschland veröffentlichte die Kommunistische Partei eine Reihe von Kampflosungen, die sich scharf von den Zielen der Sozialdemokratie abgrenzen. Zu den Forderungen gehören die Wiedereinstellung von Arbeitslosen, die Durchsetzung des Achtstundentags in allen Betrieben sowie ein Siebenstundentag für Bergarbeiter.[3] Darüber hinaus fordert die Partei die Enteignung der Fürstenhäuser, den gemeinsamen Kampf gegen die Diktatur der Kapitalisten und die Errichtung einer Arbeiter-und-Bauern-Regierung in Deutschland.[3] Vorschläge zu gemeinsamen Demonstrationen wurden jedoch von den Reformisten abgelehnt.[3]
Trotz dieser tiefen Spaltung bleibt die Erinnerung an die Schrecken des Ersten Weltkrieges lebendig. Der Vorwärts erinnert daran, dass der Ruf „Nieder mit dem Militarismus! Krieg dem Kriege!“ schon vor 1914 am 1. Mai erklang. Er sieht in der gewerkschaftlichen und politischen Neuorganisation der Nachkriegszeit eine Wiederbelebung des Maigedankens.[1] Die internationale Arbeiterwelt habe mit der Verständigung und moralischen Abrüstung begonnen. Ziel sei es, die bürgerliche Welt davon zu überzeugen, dass der Wiederaufbau Europas nur durch europäische Solidarität möglich sei.[1] Es bleibt abzuwarten, ob dieser Appell angesichts wachsender imperialistischer Spannungen und innenpolitischer Radikalisierung gehört werden wird.[2]