Die Idee eines europäischen Zusammenschlusses ist in den vergangenen Monaten tief in das Bewusstsein der regierenden Kreise eingedrungen.[1] Wie die Neue Freie Presse in einer ausführlichen Darlegung zur Paneuropa-Bewegung erläutert, haben sich bereits Millionen von Bürgern dem Ziel einer kontinentalen Einigung verschrieben.[1] Herausragende Persönlichkeiten der Politik — darunter Stresemann, Marx und Löbe in Deutschland, Briand, Herriot und Painlevé in Frankreich sowie Seipel und Renner in Österreich — treten inzwischen öffentlich für diese weitreichende Vision ein.[1]

Dieser unverkennbare Aufschwung der Bewegung ermöglicht es der Paneuropäischen Union, bereits für den 4. Oktober dieses Jahres ihren ersten Kongress in Wien einzuberufen.[1] Die treibenden Kräfte hinter dieser Entwicklung sind vielfältiger Natur. Einerseits zwingt die wirtschaftliche Lage zur Erkenntnis, dass nur eine Zollunion die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents auf dem Weltmarkt erhalten kann. Ebenso soll sie dessen drohenden Ruin abwenden.[1] Andererseits lässt der technische Fortschritt die räumlichen Distanzen schrumpfen. Dadurch wird das Bewusstsein für eine gemeinsame europäische Kulturgemeinschaft spürbar gefördert.[1]

Im Kern der Bestrebungen steht die Suche nach einem stabilen politischen Gleichgewicht.[1] Vor dem Krieg existierte zwischen Dreibund und Entente lediglich eine unsichere Balance. Diese drohte durch jede geringfügige Gewichtsverschiebung in Anarchie und einen weltweiten Konflikt umzuschlagen.[1] Ein wahrhafter Ausgleich von Frieden und Freiheit erfordert jedoch eine föderative Organisation nach dem Vorbild der Schweiz oder der Vereinigten Staaten von Amerika.[1] Jeglicher Versuch einer streng zentralistischen Lenkung müsse scheitern, da der europäische Individualismus in den einzelnen Nationen stark verwurzelt sei.[1] Das neue europäische Staatengebilde soll die Vaterländer der Bürger nicht ersetzen, sondern harmonisch ergänzen.[1] Die Bewegung hat sich daher als Leitspruch die klassische Formel gewählt, die sie selbst so übersetzt: „Einigkeit, wo sie nötig ist, Freiheit, wo es Zweifel gibt, Liebe — überall!“[1]

Darüber hinaus zielt der Plan auf eine grundlegende Reform des Völkerbundes ab.[1] Solange die Weltmächte Amerika und Sowjetrussland außerhalb der Genfer Institution stehen, bleibt das weltpolitische System anfällig.[1] Dem Völkerbundsekretariat liegt hierzu bereits ein Memorandum vor, das eine Aufteilung des Bundes in sechs große Kontinentalsektionen vorschlägt: eine paneuropäische, eine panamerikanische, eine britische, eine russische, eine chinesische und eine japanische Gruppe.[1] Nur durch eine derartige Kontinentalstruktur, so die Verfechter der Idee, lasse sich eine dauerhafte Stabilität erzielen und der Friede der Welt sichern.[1]