Die Friedenskonferenz von Oujda ist an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt. Wie der Pariser Figaro meldet, hat der Vorsitzende der französisch-spanischen Delegation, General Simon, den Abgesandten der Rifkabylen ein befristetes Ultimatum überreicht.[1] Sollten die aufständischen Stämme nicht bis zum 6. Mai um Mitternacht wesentliches Entgegenkommen bei den zentralen Friedensbedingungen zeigen, werden Frankreich und Spanien ihre militärische Handlungsfreiheit vollumfänglich zurückerlangen.[1]

Nachdem die Verhandlungen in den vergangenen Tagen in eine Sackgasse geraten waren, trat die Konferenz am späten Samstagnachmittag zu einer kurzen, aber bedeutsamen Sitzung zusammen.[1] General Simon übergab der Rif-Delegation ein formelles Dokument, das den bisherigen Stand der Gespräche und die unumstößlichen Bedingungen für eine Fortsetzung der Verhandlungen zusammenfasst.[1] Ursprünglich war das Ende der Verhandlungen bereits auf den 1. Mai angesetzt. Die europäischen Mächte gewährten jedoch eine letzte Fristverlängerung.[1] Aus Berichten der Washington Post geht hervor, dass den Rifkabylen nun ein sechstätiges Ultimatum zur Annahme oder Ablehnung der Bedingungen vorliegt.[2]

Noch am Abend verließen die Delegierten um ihren Verhandlungsführer Si Mohammed Azerkane Oujda in Automobilen, um an die Küste nach Nemours zu reisen.[3][1] Dem Figaro zufolge schiffen sich Azerkane und sein Begleiter Hadou dort auf dem französischen Torpedoboot Senegalais ein; dieses wird sie in die Bucht von Alhucemas bringen.[1] Von der Mündung des Flusses Oued Ghis aus reiten sie auf Maultieren in das Landesinnere, um Abd-el-Krim in seinem Hauptquartier aufzusuchen und ihm die Forderungen vorzulegen.[1]

Die inhaltlichen Differenzen erscheinen jedoch unüberwindbar. Nach Angaben des Temps weigern sich die Rifkabylen kategorisch, einer Verbannung ihres Anführers Abd-el-Krim zuzustimmen.[4] Ein solches Exil würde dem Frieden schwere Schäden zufügen, da nach ihrer Ansicht nur seine Anwesenheit die Ordnung im Rifgebirge gewährleisten könne.[4] Auch in der Frage der Kriegsgefangenen sind die Fronten verhärtet. Während die Aufständischen laut dem Temps nur die sofortige Freilassung von Frauen, Kindern und Verwundeten anbieten, bestehen Paris und Madrid auf der umgehenden Übergabe sämtlicher Gefangener.[4] Gesunde spanische und französische Soldaten sollen von den Kabylen als Garantie bis zum endgültigen Friedensschluss zurückgehalten werden.[4] Überdies wehren sich die Stämme gegen den Begriff der vollständigen Unterwerfung unter den Sultan von Marokko. Sie erkennen lediglich dessen geistliche Autorität an und fordern eine weitreichende administrative Autonomie.[1]

Ein weiterer Streitpunkt ist der geplante Vorstoß europäischer Truppen. Dem Evening Star zufolge verlangen Frankreich und Spanien das Recht, ihre Linien an einigen Punkten um 30 bis 40 Kilometer vorzuschieben; dies entspräche einem Vormarsch von sieben bis neun Kilometern in die Tiefe auf bestimmten Abschnitten.[3] Azerkane erklärte vor seiner Abreise gegenüber amerikanischen Korrespondenten, dass diese Forderung unweigerlich abgelehnt werde.[3] Er zeigte sich tief pessimistisch und betonte: „Unsere Herzen sind traurig.“[3] In den zwei Wochen der Verhandlungen sei kein Fortschritt erzielt worden. Man sei weiter vom Frieden entfernt als zu Beginn.[3] Die Rifkabylen seien nicht besiegt und könnten nicht wie eine geschlagene Armee behandelt werden.[3]

Inzwischen deuten alle Zeichen auf eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten hin. Laut der Pravda bereiten sich Frankreich und Spanien bereits mit Nachdruck auf neue militärische Operationen vor.[5] Die Washington Post meldet zudem, dass französische und spanische Truppenverbände bei Melilla durch Vormärsche aus entgegengesetzten Richtungen erfolgreich Verbindung miteinander aufgenommen haben, um ihre Positionen für eine mögliche Offensive zu festigen.[2] Azerkane selbst machte sich keine Illusionen über die Konsequenzen der festgefahrenen Diplomatie. Gegenüber dem Evening Star fasste er die Lage mit der düsteren Prognose zusammen, dass nun wohl der Krieg unvermeidlich sei — ein Krieg, der die alliierten Gegner einen erschütternden Preis kosten werde.[3]