Die Reichsregierung hat das Land durch eine überraschende Initiative in einen schweren innenpolitischen Konflikt gestürzt.[1] Eine von Reichspräsident von Hindenburg beabsichtigte und von Reichskanzler Hans Luther unterstützte Verordnung über das Führen der Flaggen droht, eine offene Regierungskrise auszulösen.[1][2] Wie die Neue Freie Presse meldet, sieht der Entwurf vor, dass die deutschen Auslandmissionen künftig bei offiziellen Anlässen neben der schwarz-rot-goldenen Staatsflagge auch die Handelsflagge hissen sollen.[2] Diese Handelsflagge besteht aus den alten kaiserlichen Farben Schwarz-Weiß-Rot, die lediglich in der oberen Ecke eine kleine schwarz-rot-goldene Gösch tragen.[3] Gleichzeitig sollen die Reichsbehörden zur See, die bislang Schwarz-Weiß-Rot mit dem Staatswappen führten, ebenfalls mit dieser Gösch versehen werden.[2]
Der Erlass, der als reiner Verwaltungsakt ausgegeben wird und vom Reichskanzler gegengezeichnet werden soll, hat das Regierungslager tief gespalten.[2] Am gestrigen Vormittag trat das Reichskabinett unter Luthers Vorsitz zusammen. Auch Staatssekretär Otto Meißner war als Vertreter des Reichspräsidenten anwesend.[1] Die Minister sahen sich mit einer unerwarteten Situation konfrontiert — sowohl die Fraktion der Demokraten als auch jene des Zentrums hatten massiven Widerstand gegen den Plan angemeldet.[1] Laut dem Berliner Tageblatt herrscht in Regierungskreisen größte Bestürzung über den parlamentarischen Einspruch der eigenen Koalitionsparteien.[1] Die demokratische Reichstagsfraktion befürchtet einen schleichenden Abbau der verfassungsmäßigen Reichsfarben und hat ihren Vorsitzenden Erich Koch-Weser beauftragt, dem Kanzler schärfste Bedenken zu übermitteln.[2]
Die treibenden Kräfte hinter der neuen Verordnung sind offenbar hanseatische Schifffahrtskreise. Dem Hamburger Echo zufolge haben Hamburger Reeder mit Zähigkeit ihre nationalistischen Bestrebungen verfolgt und bei Kanzler Luther Verständnis gefunden.[3] Die Zeitung erinnert in diesem Zusammenhang an den Kopenhagener Skandal, bei dem an einer offiziellen deutschen Vertretung demonstrativ die schwarz-weiß-rote Flagge dominierte, während das verfassungsmäßige Schwarz-Rot-Gold in einen versteckten Winkel verbannt wurde.[3] Das Blatt wirft dem Kanzler vor, er wolle tiefgreifende Gesinnungsfragen mit jener Geschicklichkeit ordnen, die er sich in seiner einstigen kommunalen Tätigkeit angeeignet habe.[3] Besonders scharfe Kritik erfährt auch Innenminister Wilhelm Külz, der sich als Demokrat auf juristische Kunstgriffe eingelassen habe, anstatt sich schützend vor die Symbole der Republik zu stellen.[3]
Die politische Tragweite der scheinbar harmlosen Dienstvorschrift wird von der Rechtspresse offen begrüßt. Der Vorwärts zitiert triumphierende Stimmen aus dem konservativen Lager, die keinen Zweifel an der wahren Zielsetzung lassen.[4] So habe General von Liebert in der Deutschen Zeitung unverblümt erklärt, mit der Rückkehr der schwarz-weiß-roten Flagge werde der „Geist des Pazifismus“ aus dem deutschen Volke weichen.[4] Der Vorwärts betont zudem, dass reaktionäre Verbände wie der Stahlhelm oder der Bund Wiking unter den alten Farben einen fortwährenden Kampf gegen den republikanischen Staat führten.[4] Für die Sozialdemokraten stellt die Verordnung damit eine offene Kampfansage an die Verfassung dar. Die Reichsregierung wende sich gegen jene Auslandsdeutschen, die sich mit Geltung und Ehre um die republikanischen Farben bemüht hätten.[4] Außenminister Gustav Stresemann empfing unterdessen die Führer der sozialdemokratischen und demokratischen Fraktionen, um in der festgefahrenen Situation zu vermitteln.[2]
Trotz der geschlossenen Ablehnung durch die republikanische Presse und weite Teile der Koalition zeigt sich das Staatsoberhaupt unnachgiebig. Nach Informationen des Berliner Tageblatts ist Hindenburg nicht gewillt, die geplante Verordnung auch nur vorläufig zurückzuhalten.[1] In den Wandelgängen des Reichstages beurteilt man die Lage dementsprechend ernst.[1] Es bleibt fraglich, ob das Kabinett Luther, das nach weiteren Krisensitzungen am späten Nachmittag nach einem Ausweg suchte, diese Belastungsprobe überstehen wird.[1] Die Regierung hat sich ein Problem geschaffen, dass sie unbeschadet kaum überstehen kann, sofern der Erlass in seiner jetzigen Form tatsächlich verkündet wird.[4]