Nach tagelangen Verzögerungen durch widrige Witterungsverhältnisse hat das Polarluftschiff Norge heute Morgen seine Reise in Richtung Spitzbergen angetreten.[1][2] Wie die Washington Times meldet, hatten sich die starken Winde der vergangenen Woche endlich gelegt, sodass der Aufstieg unter Mithilfe von zweihundert Soldaten der Roten Armee problemlos vonstattengehen konnte.[2]

Zuvor hatte vor allem die Furcht vor einer schnellen Vereisung der Hülle den Abflug aus Leningrad verzögert.[1] Berichten der Washington Post zufolge zeigten aufgestiegene Testballons, dass die dichte Wolkendecke in geringer Höhe zu sofortiger Eisbildung führte.[1] Expeditionsleiter Umberto Nobile berechnete, dass bereits eine Eiskruste von nur einem Millimeter Stärke das elf Tonnen schwere Luftschiff mit einem Zusatzgewicht von viereinhalb Tonnen belasten und unweigerlich in eine Katastrophe stürzen würde.[1] Wertvolle Ratschläge lieferte hierbei der russische Flieger Tschuknowsky (Boris Tschuchnowski), der bei Flügen nach Nowaja Semlja in den Jahren 1924 und 1925 ähnliche Gefahren durch vereiste Maschinen nur knapp überlebt hatte.[3][1] Eine rechtzeitige Sturmwarnung des Leningrader Observatoriums am vergangenen Sonntag bewahrte die Expedition vor einem vorzeitigen und überaus riskanten Aufbruch.[1]

Um 9.35 Uhr sprang schließlich der erste Motor an, und wenige Minuten später löste sich die Norge zu den Klängen eines Orchesters vom Boden.[3] Die sowjetische Zeitung Prawda berichtet, dass das Luftschiff kurz darauf mit einer Geschwindigkeit von 60 bis 80 Kilometern pro Stunde über Leningrad hinwegflog, dabei die Isaakskathedrale umrundete und Kurs auf Petrosawodsk nahm.[3] Um 10.30 Uhr traf bereits das erste Funktelegramm der Besatzung ein. Auf der weiteren Route kann sich die Besatzung auf ein Netz von vier arktischen Radiostationen stützen.[3]

Kurz vor dem Start hatte sich Nobile sehr dankbar für die technische und logistische Unterstützung der sowjetischen Behörden geäußert.[3] Der norwegische Navigator Riiser-Larsen wies derweil Spekulationen über gefährliche atmosphärische Wirbel am Nordpol zurück und schätzte die meteorologischen Bedingungen von der Barentssee bis Spitzbergen als geradezu ideal ein.[3] Nobile selbst beziffert die Erfolgschancen der Expedition optimistisch. „Ich betrachte den Erfolg zu 70 Prozent als gesichert“, erklärte der Kommandant; die restlichen 30 Prozent entfielen auf unvorhersehbare Risiken in den noch unerforschten Regionen.[3]

Ziel der aktuellen Etappe ist die Kingsbai auf Spitzbergen, wo die Arbeiten auf Hochtouren laufen.[3][4] Nach Informationen des Nieuwe Rotterdamsche Courant wurde die eigens für das Luftschiff angelegte Bahntrasse von vier Meter hohen Schneebänken befreit, damit täglich tausend Wasserstoffzylinder zum Liegeplatz transportiert werden können.[4] Von dieser Basis aus soll der Nordpol spätestens am 15. Mai erreicht werden.[3]