Wie aus den jüngsten Berichten hervorgeht, ist in der zentralamerikanischen Republik Nicaragua eine offene Revolution ausgebrochen. Die Regierung sah sich gezwungen, über das gesamte Land den Kriegszustand zu verhängen, nachdem liberale Aufständische an der Atlantikküste die Städte Bluefields und Rama eingenommen hatten.[1] Nach Informationen des Berliner Tageblatts, das sich auf Telegramme der Agentur Havas aus New York stützt, beschloss der Kongress zudem die Erhebung einer Sondersteuer in Höhe von 500.000 Dollar, um Mittel für eine rasche Niederschlagung der Rebellion bereitzustellen.[2] Die Hauptstadt Managua bleibt derweil verhältnismäßig ruhig. Die Regierungskräfte, die landesweit insgesamt etwa 7000 Mann unter Waffen haben, sind eilig an die bedrohte Ostküste beordert worden. Sie sollen den weiteren Vormarsch der Aufständischen aufhalten.[1]
Die militärische Erhebung der Liberalen begann in der wichtigen Hafenstadt Bluefields. Dort überwältigten die Rebellen unter dem Kommando von Luis Beltran Sandoval und Elizeo Duarte überraschend die regierungstreue Garnison.[1] Dabei wurden der örtliche Gouverneur, Oberst Ernesto Soloranzo Diaz, sowie der Polizeidirektor festgenommen.[1] General Anselmo Sequiera, der Befehlshaber der Regierungstruppen in dem auf der gegenüberliegenden Buchtseite gelegenen El Bluff, unternahm mit zwanzig Mann in einem Boot den Versuch, sich der Stadt zu nähern.[1] Wie die Washington Post meldet, geriet dieses Kommando jedoch unter schweres Feuer der Revolutionäre; Sequiera und zwei weitere Soldaten wurden getötet.[1] Das Boot musste daraufhin nach El Bluff zurückkehren. Dort befindet sich weiterhin eine starke Garnison der Regierung.[1] Kurz darauf fiel nach zwei Angriffen auch das etwa sechzig Meilen entfernte Rama in die Hände der Aufständischen, da die dortige Regierungstruppe den Angreifern zahlenmäßig deutlich unterlegen war.[1]
Die Aufständischen bemühen sich inzwischen um politische und materielle Unterstützung für ihre Unternehmungen. Rebellenführer Sandoval richtete ein Telegramm an den ehemaligen liberalen Vizepräsidenten Juan Batista Sacasa, der sich gegenwärtig in Washington aufhält.[1] In dieser Botschaft bat Sandoval um finanzielle Mittel und Waffenlieferungen für den Feldzug und forderte Sacasa auf, unmittelbar nach Nicaragua zurückzukehren.[1] Sacasa hat den Revolutionären bereits seine Glückwünsche übermittelt und ihnen die Zusendung von Geldern in Aussicht gestellt.[1] Die schnelle Zuspitzung der Lage ruft auch die nordamerikanische Regierung auf den Plan, die bedeutende wirtschaftliche Interessen in der Region unterhält. Dem Hong Kong Telegraph zufolge hat Washington bereits auf die Ereignisse reagiert und einen Kreuzer nach Bluefields entsandt, um die amerikanischen Interessen im Konfliktgebiet militärisch zu schützen.[3]