Zwischen dem Pariser Außenministerium und der römischen Consulta hat sich in jüngster Zeit ein überaus lebhafter diplomatischer Meinungsaustausch entwickelt.[1] Zwar rühmte der französische Außenminister Aristide Briand in seiner großen Kammerrede die Beziehungen als überaus freundschaftlich, doch verbirgt dieser amtliche Optimismus handfeste koloniale Gegensätze im Mittelmeerraum.[1]

Nach Angaben der Kölnischen Zeitung war die jüngste, scharf formulierte Rede Benito Mussolinis weniger ein Ausdruck deutschfeindlicher Politik; vielmehr war sie als psychologisch berechnete Vorbereitung für weitreichende koloniale Forderungen an Frankreich zu verstehen.[1] Wie die diplomatischen Verhandlungen zeigen, hat Paris bereits erste Schritte zum Ausgleich unternommen. Intern stößt dies jedoch auf Widerstand. Die französische Regierung hat nach einer Reise nach Tunesien überraschend in eine bedeutsame Grenzberichtigung zwischen Tunesien und dem italienischen Tripolitanien eingewilligt.[1] Dadurch wird Italien die wichtige Karawanenstraße zwischen Ghat und Ghadames freigegeben.[1] Diese umfassende Konzession ruft in französischen Fachkreisen erhebliche Entrüstung hervor.[1] Die Verlängerung dieser Linie nach Norden würde nämlich die gesamte Westgrenze Tunesiens entlangführen und in direkter Linie auf die Westküste Sardiniens zielen; das berührt die strategische Lage im Mittelmeer erheblich.[1]

Die Pariser Diplomatie ist deshalb darauf bedacht, bei der bevorstehenden Regelung der marokkanischen Frage jede Veränderung der Zonenverteilung zu vermeiden.[1] Das Außenministerium drängt insbesondere die spanische Regierung, auf eine Umgestaltung des Statuts von Tanger zu verzichten.[1] Am Quai d'Orsay befürchtet man, dass andernfalls Italien den Präzedenzfall nutzen und sofort eigene Ansprüche auf eine Beteiligung anmelden könnte.[1]

In politischen Kreisen macht angesichts dieser Zugeständnisse bereits das Sprichwort die Runde, dass derjenige, dem man die Hand reicht, bald den ganzen Arm fordern werde.[1] Umstritten bleibt, ob die französische Politik, die den sicherheitspolitischen Blick fast ausschließlich auf das Deutsche Reich richtet, tatsächlich bis zur äußersten Konsequenz weitergeführt werden soll.[1] Die Entwicklungen in der Mittelmeerregion zeigen, dass eine Neuordnung der Machtverhältnisse bereits begonnen hat.[1]