In Budapest hat unter gewaltigem internationalen Aufsehen der Prozess gegen die ungarischen Frankenfälscher begonnen.[1] Den Vertretern der Inlands- und Auslandspresse wurden mehr als einhundert der knapp zweihundert Sitzplätze im Saal zur Verfügung gestellt.[1] Vor dem Tisch des Gerichtshofes türmen sich fünfzig mächtige Aktenbündel, Maschinenteile, Lithografiesteine sowie Papiere mit den inkriminierten Falsifikaten.[1] Ministerpräsident Graf Bethlen hatte noch am Vorabend in einer Rede betont, die heutige Verhandlung bilde die Endstation einer Aktion, deren Ziel nicht nur der Sturz der ungarischen Regierung, sondern auch eine schwere Schädigung der nationalen Ehre gewesen sei.[1] Die Stimmung im Saal glich am Eröffnungstag jedoch eher einer Mischung aus Theaterpremiere und sensationeller Parlamentssitzung.[1]
Die Verlesung der umfangreichen Anklageschrift nahm eine geschlagene Stunde in Anspruch.[1] Ein leibhaftiger Prinz, der Landeskriminalpolizeichef Nadossy, der Generaldirektor der Postsparkasse und zahlreiche Angehörige des ungarischen Hochadels stehen vor Gericht. Ein Feldbischof und bekannte Grafen sind als Zeugen geladen.[1] Die Angeklagten streiten, mit Ausnahme des Polizeichefs Nadossy, der sich gleich zu Beginn für schuldig erklärte, ihre Schuld überwiegend ab und berufen sich auf patriotische Motive.[2][1] Eine auffällige Diskrepanz zeigte sich bei der Wahl der Rechtsbeistände: Während alle übrigen Angeklagten von nationalistischen Anwälten vertreten werden, hat allein Nadossy einen linksradikalen Verteidiger mandatiert.[1]
In seinem Verhör, das vom Präsidenten des Gerichts mit großem Nachdruck geführt wurde, schilderte Nadossy ruhig und bestimmt die Vorgeschichte der Affäre.[1] Laut der Badischen Presse berichtete der Polizeichef, dass Prinz Windischgrätz bereits vor etwa vier Jahren mit einem Plan zur Finanzierung durch Banknotenfälschung an ihn herangetreten sei.[1] Damals habe er den Plan noch als Eselei abgetan.[1] Später sei der Prinz jedoch erneut erschienen und habe argumentiert, dass mangels finanzieller Mittel wichtige vaterländische Zwecke nicht mehr durchgeführt werden könnten.[1] Daraufhin habe Nadossy seine Mithilfe zugesagt und die Verbindung zum Generaldirektor der Postsparkasse sowie zu den Bankiers Elliser und Horvath vermittelt.[1] Bankier Horvath sollte als Sachverständiger klären, ob sich die gefälschten Frankennoten überhaupt in größeren Mengen im Ausland unterbringen ließen.[1] Die Beteiligten hätten keine Entlohnung erhalten, sondern lediglich ihre Spesen erstattet bekommen.[1]
Nadossy legte ferner dar, dass Staatssekretär Pronay ihm im Auftrag des Grafen Bethlen mitgeteilt habe, die Sache sei ruchbar geworden.[1] Trotz seiner dringenden Warnungen habe Windischgrätz jedoch nicht von dem Vorhaben abgelassen.[1] Auch die nach Den Haag entsandten Kuriere hätten eigenmächtig gehandelt und die Falsifikate ohne Absprache in Umlauf gebracht.[1] Die Idee der Fälschung stamme nicht aus Deutschland, betonte der Polizeichef, wenngleich er Kenntnis davon hatte, dass Papier und Maschinen aus dem Deutschen Reich beschafft werden sollten.[1]
Das anschließende Verhör des Prinzen Windischgrätz, der sich elegant und auf einen Stock gestützt im Gerichtssaal präsentierte, bildete den Höhepunkt des Tages.[1] Mit spürbarer Feierlichkeit wies er den Vorwurf eines egoistischen Verbrechens zurück und erklärte, er habe lediglich die Notwendigkeit gesehen, jenen zu schaden, die Feinde Ungarns seien.[1] Wie die Neue Freie Presse meldet, verweigerte der Prinz auf die Frage, von wem der technische Leiter Gerö Anweisungen erhalten habe, standhaft die Antwort.[2] Bezüglich der Anbahnung des Kontakts kam es zu eklatanten Widersprüchen: Windischgrätz behauptete, Graf Teleki habe ihm Gerö empfohlen, während Graf Teleki angab, der Prinz sei durch den Chef des Kartografischen Instituts auf Gerö aufmerksam gemacht worden.[2]
Der Vorsitzende befragte Windischgrätz eingehend über die Rolle des deutschen Sachverständigen Schultze.[2] Der Prinz erklärte, Schultze habe nicht aktiv an der Fälschung mitgearbeitet, sondern im Kartografischen Institut lediglich Studien betrieben und ein Gutachten erstellt.[2] Auf die Frage, wer zuerst die Idee der Fälschungen aufgeworfen habe, verneinte Windischgrätz die Urheberschaft Schultzes.[2] Erst nachdem das Gutachten vorlag, habe er die Fälschung für möglich gehalten.[2] Hinsichtlich der praktischen Ausführung betonte Windischgrätz in dezidiertem Tonfall, dass das Kartografische Institut als solches die Sache auf Weisung in die Hand genommen habe.[2] Auf wessen Weisung dies geschah, wollte er nicht enthüllen.[2]
Besondere Brisanz erhielt der Prozess durch die Aussagen über die angebliche Mitwisserschaft höchster Regierungsstellen.[2] Windischgrätz gab unumwunden zu Protokoll, er habe alles mit dem Wissen der Behörden getan.[2] Polizeichef Nadossy habe er als eine Art Rückendeckung genutzt, damit bei der Durchführung der Aktion keine strafrechtliche Verfolgung eintrete.[2] Diese Darstellung wurde durch den General a. D. Haits, den früheren Leiter des Kartografischen Instituts, bekräftigt.[2] Haits sagte aus, er sei nur deshalb auf den Plan der Frankenfälschung eingegangen, weil er sich überzeugt habe, dass gewisse amtliche Kreise von der Angelegenheit wohlwollend Kenntnis besaßen.[2] Es bleibt nun Aufgabe des Gerichtshofes, die Verflechtungen amtlicher und halbamtlicher Beteiligter umfassend aufzuklären.[2]