In einer historischen navigatorischen und flugtechnischen Meisterleistung hat der amerikanische Marineflieger Commander Richard E. Byrd als erster Mensch den Nordpol in einem Flugzeug erreicht.[1] Wie die amerikanische Tageszeitung Washington Post meldet, bewältigte der Offizier die ungeheure Strecke über das Packeis in einer reinen Flugzeit von 15 Stunden und 30 Minuten.[1] Gemeinsam mit seinem Piloten Floyd Bennett stieg er in der tiefen Polarnacht zum Sonntag von seiner Basis in Kingsbay auf der Insel Spitzbergen auf.[1] Die Badische Presse beziffert die Abflugzeit auf 12.30 Uhr Greenwicher Zeit.[2] Nach einem fehlerfreien Flug kehrten die beiden Pioniere bereits am Sonntagnachmittag um 16.20 Uhr sicher an ihren Ausgangspunkt zurück.[1]
Für Byrd bedeutet dieser Triumph die Verwirklichung eines Traums, den er seit seinen frühesten Knabenjahren hegte.[1] Als er Anfang April an Bord des Dampfers Chantier von New York aufbrach, krönte er monatelange, minutiöse Planungen.[1] Seine Expedition galt in Fachkreisen als die am besten ausgerüstete, die jemals in die Polarregionen entsandt wurde.[1] Insgesamt umfasste der Tross fünfundfünfzig Personen. Diese hatten aus den Entbehrungen früherer Arktisforscher wertvolle Lehren gezogen.[1] Byrd selbst brachte unschätzbare eigene Erfahrungen mit. Bereits im vergangenen Jahr war er als Flugzeugspezialist an der Arktis-Expedition von Donald MacMillan beteiligt gewesen und hatte dabei mehr als dreitausend Meilen im ewigen Eis überflogen.[1][2]
Die eingesetzte Maschine, ein dreimotoriges Fokker-Flugzeug vom Eindeckertyp, war für die extremen Bedingungen hervorragend gerüstet.[2] Der Apparat trug neben einem modernen Radioempfänger auch Lebensmittelvorräte für drei Wochen an Bord, um für den Fall einer Notlandung vorbereitet zu sein.[2] Vor dem eigentlichen Start überließen die Amerikaner nichts dem Zufall. Erst nachdem ein kleinerer Curtiss-Apparat von einem Erkundungsflug günstige Nachrichten über die Witterungsverhältnisse übermitteln konnte, begab sich Byrd in die Luft.[3] Der gesamte Vorstoß wurde in der Folge von außergewöhnlich gutem Wetter begünstigt.[2]
Die Navigation in diesen unwirtlichen Breiten stellte eine der größten technischen Herausforderungen dar. Die Berechnungen und Peilungen während des Fluges erfolgten laut Berichten aus Kingsbay ausschließlich mit Hilfe eines neuartigen Sonnenkompasses, der die Position der Sonne zur Bestimmung des Kurses nutzte.[1][2] Byrd hielt dieses nautische Instrument während des Fluges in der einen Hand und unterstützte zeitweise die Lenkung des Flugzeugs mit der anderen, während Bennett den Hauptteil der fliegerischen Tätigkeit übernahm.[1][2] In der achten Morgenstunde stellten die beiden Flieger anhand der eindeutigen Registrierungen ihrer Messinstrumente schließlich fest, dass sie den begehrten Pol exakt erreicht hatten.[3]
Eine Landung auf dem zerklüfteten Eis erfolgte nicht. Stattdessen umkreisten Byrd und Bennett den Nordpol dreimal in weiten Bögen, um ihre Beobachtungen zu sichern.[3] Als Zeichen ihres historischen Triumphs senkten sie eine amerikanische Flagge auf das Eis hinab, bevor sie ohne jeden Zwischenaufenthalt den Rückflug antraten.[3] Die starke physische Kältebelastung blieb jedoch nicht ohne Folgen für die Männer. Bei der Rückkehr zeigte sich, dass Byrd sich mehrere Finger der linken Hand erfroren hatte.[2] Dennoch überwog die Freude über den bedeutenden Erfolg. Auf Spitzbergen gestaltete sich der Empfang als überaus enthusiastisch.[2] Die gesamte Bevölkerung von Kingsbay hatte sich versammelt, um die Heimkehrer zu feiern.[1]
Besonders bemerkenswert war die kollegiale Geste der konkurrierenden Forscher. Der norwegische Entdecker Roald Amundsen und sein amerikanischer Finanzier Lincoln Ellsworth gehörten zu den ersten Gratulanten.[1] Die Besatzung ihres Luftschiffes Norge, die sich mit Byrd ein offenes Wettrennen geliefert hatte, fand sich vollständig am Landungsplatz ein.[1] Amundsen, der selbst am Dienstag zu einem Flug über das Polarbecken in Richtung Alaska aufbrechen will, sprach Byrd offen seine Anerkennung aus.[3] In der Heimat des Fliegers löste die Nachricht Begeisterungsstürme aus. US-Präsident Calvin Coolidge sandte unverzüglich ein Glückwunschtelegramm, in dem er seine Genugtuung darüber zum Ausdruck brachte, dass ein Amerikaner als Erster den Pol erreicht habe.[2] Ebenso traf wenige Stunden nach der Landung eine in warmen Worten gehaltene Depesche des Marinestaatssekretärs Curtis D. Wilbur ein.[3]
Der Erfolg Byrds beendet tatsächlich ein viel beachtetes Wettrennen dreier unabhängiger Expeditionen.[3] Neben Byrd und Amundsen hatte sich auch der australische Forscher George Hubert Wilkins nach Alaska begeben, um von dort mit Unterstützung der Ford-Werke in Richtung Pol zu fliegen.[3] Nach Berichten aus Point Barrow ist Wilkins wohlauf, konnte Byrds Flug jedoch nicht mehr zuvorkommen.[4] Dort hatte eigens ein Funker eine Hütte an den kahlen Ufern des Arktischen Ozeans errichtet, um die Radiosignale der Flieger aufzufangen.[4] Dem Evening Star zufolge verschwieg man in italienischen Luftfahrtkreisen, die das norwegische Luftschiff gebaut hatten, nicht eine gewisse Enttäuschung über den verlorenen Wettlauf.[4] Zugleich erklärte man jedoch dort mit äußerster Sportlichkeit, man sei froh, dass ein Amerikaner den Sieg errungen habe, auch wenn es nicht die eigenen Konstrukteure gewesen seien.[4]
Die Wiener Neue Freie Presse würdigt die Tat als Ereignis von weitreichender Bedeutung, bei dem sich eiserne Tatkraft mit den fortschrittlichsten technischen Errungenschaften verband.[5] Welchen bemerkenswerten Fortschritt diese fünfzehnstündige Reise markiert, zeigt ein historischer Vergleich: Robert Peary benötigte für dieselbe Distanz auf dem Landweg noch acht Monate.[4] Führende Vertreter der amerikanischen Wissenschaft knüpfen große Hoffnungen an die systematische Auswertung der Flugdaten. Dr. Charles D. Walcott vom angesehenen Smithsonian-Institut hob hervor, Byrds wagemutiges Unterfangen erinnere an den Mut der amerikanischen Frontflieger im Weltkrieg.[4] George R. Putnam, Kommissar der Leuchtturmbehörde, bezeichnete den Vorstoß als eine der größten Errungenschaften unseres Zeitalters.[4] Die wissenschaftliche Auswertung der mitgebrachten Instrumentenaufzeichnungen wird nun zeigen, welche konkreten geografischen Erkenntnisse dieser Vorstoß in das Unbekannte gebracht hat.