Der größte Arbeitskampf in der Geschichte des britischen Weltreiches nähert sich nach neun Tagen offenbar seinem Ende. Wie aus parlamentarischen Kreisen in London verlautet, haben inoffizielle Verhandlungen begonnen. Ziel ist es, das Bergarbeiterproblem zu lösen und den Generalstreik rasch zu beenden.[1][2] Die britische Hauptstadt war in der vergangenen Nacht Schauplatz hektischer politischer Betriebsamkeit. Nach Angaben der Washington Post warteten Premierminister Baldwin, Schatzkanzler Churchill und Arbeitsminister Sir Arthur Steel-Maitland gemeinsam mit weiteren Kabinettsmitgliedern wie Lord Balfour und Lord Birkenhead bis tief in die Nacht in der Downing Street auf eine entscheidende Mitteilung der Gewerkschaftsführung.[3] Ursprünglich sollte eine Delegation des Gewerkschaftsrates Vorschläge zur Wiederaufnahme der Verhandlungen überbringen. Doch die Gespräche im Hauptquartier der Arbeiterpartei verzögerten sich.[3]

Die parlamentarischen Mitglieder der Labour Party, darunter Ramsay MacDonald, J. H. Thomas und Arthur Henderson, bemühen sich intensiv, einen Kompromiss mit den Bergarbeitern zu finden.[1][3] Das Kernproblem bleibt die harte Haltung der Bergarbeiterföderation. Deren Sekretär A. J. Cook erklärte in einem Interview, das der Pariser Figaro zitiert, ein Friedensschluss sei jederzeit möglich.[4] Bedingung sei jedoch die Sicherstellung der wirtschaftlichen Sicherheit für die Bergleute.[4] Cook betonte, die Löhne seien bereits zu niedrig. Die Regierung müsse diese Tatsache anerkennen.[4] Die Prawda ergänzt hierzu, dass Vertreter der Arbeiterschaft die absolute Wiederherstellung des Status quo vor der Aussperrung der Bergarbeiter verlangen.[5]

Im britischen Unterhaus kam es derweil zu turbulenten Szenen. Der ehemalige Premierminister Lloyd George griff die konservative Regierung überraschend und in beispielloser Schärfe an.[1] Laut der Wiener Zeitung warf er der Regierung vor, die offizielle British Gazette sei zu einem reinen Parteiblatt verkommen.[1] Er kritisierte insbesondere, dass die Appelle des Erzbischofs von Canterbury in diesem Blatt unterdrückt worden seien. Ferner forderte er die umgehende Aufnahme von Verhandlungen. Ein Kampf bis zum bitteren Ende, so seine Warnung, würde den Ruin Englands bedeuten.[1] Diese Attacke kam derart überraschend, dass die Konservativen zunächst stumm blieben. Erst danach brachen sie in laute „Verrat!“-Rufe aus, während die Arbeiterpartei den Redner beklatschte.[1] Sir John Simon, einer der Führer der liberalen Partei, betonte im Parlament, dieser Generalstreik sei ungeachtet seiner Vorgeschichte im rechtlichen Sinne kein gewöhnlicher Arbeitskonflikt mehr.[4]

Die gewaltigen Ausmaße des Streiks werden durch eine offizielle Statistik der Gewerkschaften belegt. Demnach haben 840.543 Bergarbeiter, 454.924 Eisenbahner und 397.126 Transportarbeiter die Arbeit niedergelegt.[1] Hinzu kommen mehr als 349.000 Bauarbeiter, über 167.000 Drucker sowie zehntausende Eisen- und Stahlarbeiter.[1] Trotz dieser Mobilisierung häufen sich die Anzeichen, dass der Streik seinen Zenit überschritten hat. Das offizielle Regierungsblatt, die British Gazette, meldet, dass die Streikenden zunehmend enttäuscht seien und die Zahl der Rückkehrer stündlich wachse.[4]

Besonders im Transportwesen und in der Provinz bröckelt die Streikfront. Bei der Southern Railway sind bereits 12.000 Angestellte wieder an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt.[1] In Huddersfield versehen wieder zwanzig Prozent der Straßenbahner ihren Dienst, in Liverpool sind es sogar 85 Prozent.[1] Auch in Hull, Cardiff und Wolverhampton melden sich hunderte Hafenarbeiter und Angestellte der Stahlwerke in den Betrieben zurück.[1] Die China Mail berichtet ebenfalls von einer stetigen Zunahme des Eisenbahnverkehrs und einer ungestörten Aufrechterhaltung der Stromversorgung im ganzen Land.[6]

Um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, hat die Regierung weitreichende Maßnahmen ergriffen. Das Rekrutierungsprogramm für Hilfspolizisten hat nach Regierungsangaben hervorragende Ergebnisse erzielt.[4] Dem Figaro zufolge haben sich in der Provinz rund 200.000 Personen und in London knapp 40.000 Männer als sogenannte Spezialkonstabler eingeschrieben. Sie sollen als Zivilreserve den Schutz lebenswichtiger Anlagen gewährleisten.[4] Die Kriegsmarine hat zudem Matrosen entsandt, um Freiwillige zu unterstützen.[1] Auf Vorwürfe von Arbeitervertretern, die Polizei sei im Londoner Stadtteil Southwark brutal vorgegangen, entgegnete der Innenminister im Parlament, dass Lastkraftwagen angegriffen und Polizisten mit Steinen beworfen worden seien.[1] Er verteidigte das Einschreiten der Exekutive vollumfänglich.[1]

Trotz der ruhigen Lage verzeichnen die Behörden vereinzelte, teils schwere Zwischenfälle. In der Nähe von Newcastle wurde ein vorsätzlicher Sabotageakt auf den schottischen Expresszug verübt.[1] Unbekannte hatten eine Schiene entfernt; Werkzeuge wurden unweit des Tatortes sichergestellt.[1] Ein weiterer Eisenbahnunfall bei Edinburgh, der drei Menschenleben forderte, wird jedoch auf technisches Versagen und nicht auf Sabotage zurückgeführt.[1] Gegen Unruhestifter, die Fuhrwerke angriffen oder falsche Nachrichten verbreiteten, haben lokale Gerichte bereits Geld- und Haftstrafen verhängt.[1][4]

Die finanzielle Bürde des Streiks beginnt die Ressourcen der Gewerkschaften schwer zu strapazieren. Durch Materialmangel erzwungene Schließungen zahlreicher Fabriken in der Textil- und Schuhindustrie belasten die Hilfsfonds zusätzlich.[1] Die Londoner Times bezweifelt deshalb, dass der Gewerkschaftsrat weitere Berufszweige in den Ausstand rufen wird, da dies die Kassenlage ruinieren würde.[1] Es verdichten sich die Anzeichen, dass eine offizielle Kapitulation der Gewerkschaftsführung nur noch eine Frage von Stunden sein dürfte.