Die tiefe politische Krise, die die polnische Republik seit Wochen durchschüttelt, hat mit der Bildung des neuen Kabinetts unter Ministerpräsident Witos eine dramatische Zuspitzung erfahren.[1] Nachdem der Rücktritt der bisherigen Regierung unter Graf Skrzynski bereits seit geraumer Zeit als unvermeidlich galt, hat der Bauernführer Witos nun eine Koalition gebildet, die in den Augen ihrer Kritiker auf äußerst schwachen Füßen steht.[1]

Die neue Regierung stützt sich auf einen Vierparteienblock, dem unter anderem die Nationaldemokraten und die christlichen Demokraten angehören, verfügt jedoch im Parlament über keine eigene Mehrheit.[2][1] Sie ist auf die wohlwollende Neutralität der christlich-nationalen Monarchisten angewiesen, während die Linke bereits schärfste Opposition angekündigt hat.[1] Wie die Kölnische Zeitung meldet, setzt sich das Kabinett unter dem Vorsitz von Witos maßgeblich aus Vertretern des rechten Flügels und der Mitte zusammen.[2] Das Innenministerium übernimmt Smulski, das Ressort für Industrie und Handel Osiecki.[2] Besonders brisant ist die Besetzung des Kriegsministeriums mit General Malczewski, dem bisherigen Korpskommandanten von Warschau, und des Unterrichtsressorts mit dem Nationaldemokraten Stanislaus Grabski.[2][1]

Die Antwort auf diese Regierungsbildung ließ nicht lange auf sich warten und kam von keinem Geringeren als Marschall Pilsudski. In einem aufsehenerregenden Interview mit der Zeitung Kurjer Poranny griff der Marschall das neue Kabinett in einer Schärfe an, die einer offenen Kampfansage gleichkommt.[2] Pilsudski zog direkte Parallelen zur früheren Regierung Witos im Jahr 1923 und warf den Verantwortlichen Korruption, den Missbrauch der Regierungsgewalt für Parteizwecke und die Bespitzelung politischer Gegner vor.[2] Er bestritt entschieden, dass die Ernennung von General Malczewski zum Kriegsminister mit seinem Einverständnis erfolgt sei, und erklärte kategorisch, dass er unter einer derartigen Führung nicht in die Armee zurückkehren werde.[2]

Das Kabinett Witos reagierte auf diesen Frontalangriff mit äußerster Härte, um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Dem Berliner Tageblatt zufolge bestand die erste Amtshandlung der neuen Regierung darin, noch vor ihrer formalen Vereidigung sämtliche Zeitungen beschlagnahmen zu lassen, die das Interview des Marschalls abgedruckt hatten.[3] Man wolle damit beweisen, dass man nicht davor zurückschrecke, selbst einem übermächtigen Mann wie Pilsudski mit der starken Hand der Staatsgewalt entgegenzutreten.[3] In den Reihen des Linksblocks hat dieser drastische Schritt derweil enorme Erregung ausgelöst. Zumal die Maßnahme mangels geleisteten Amtseides rechtlich umstritten ist.[3]

Unterdessen gärt es in der Hauptstadt. Die Stimmung auf den Straßen Warschaus ist von nervöser Anspannung geprägt. Am Dienstagabend kam es in mehreren Warschauer Kaffeehäusern und Konditoreien zu lautstarken Kundgebungen für den Marschall.[3] Die Demonstrationen wurden vorwiegend von Studenten sowie von den Pilsudski treu ergebenen Offizieren der sogenannten Schützenverbände getragen.[3] Neben Hochrufen auf Pilsudski wurden offene Pfui-Rufe gegen die Regierung Witos und den Senatsmarschall Trampczynski laut. Durch eine jüngste Rede hat sich Trampczynski bei den Anhängern des Marschalls besonders verhasst gemacht.[3]

Hinter diesen Kulissen vollzieht sich ein Ringen um die oberste Heeresleitung, das die Zukunft Polens maßgeblich bestimmen dürfte. Ein erst kürzlich angenommener Gesetzentwurf sollte Pilsudski eigentlich den Weg ebnen, als Generalinspekteur der Armee zurückzukehren.[1] Nach Einschätzung des Westfälischen Merkurs droht der Konflikt nun jedoch, die verfassungsmäßige Ordnung zu sprengen. Die neuen Befugnisse könnten Pilsudski faktisch die Stellung eines Diktators verschaffen.[1] Der Westfälische Merkur betont, dass Pilsudski in naher Zukunft auch seine Außenpolitik an den Lauf der großen Politik anpassen müsse, da das polnische Volk wenig Neigung für kriegerische Abenteuer zeige.[1] Gerade nach dem Abbruch der polnisch-russischen Verhandlungen über einen Garantie- und Schiedsgerichtsvertrag durch Moskau stehe die Sicherung der gemeinsamen Grenzlinie im Vordergrund.[1] Eine innere Erschütterung, wie sie der Konflikt zwischen der Heeresführung und dem Parlament darstellt, gefährdet diese ohnehin fragile diplomatische Position Polens aufs Äußerste.[1]