Die gestern Nachmittag in den Wandelgängen des Reichstags kursierenden Gerüchte über geplante rechtsradikale Umsturzversuche mit dem Ziel der Errichtung einer Diktatur haben am späten Abend eine offizielle Bestätigung gefunden.[1] Wie das amtliche Kommuniqué des Berliner Polizeipräsidenten mitteilt, verdichteten sich in jüngster Zeit die Anhaltspunkte für eine bewaffnete Unternehmung rechtsradikaler Elemente zur Gewissheit in derart bedrohlicher Weise, dass ein rasches Eingreifen unerlässlich schien.[2] Die Behörde sah sich daher zu Schritten gezwungen, die deutlich über das Maß der üblichen polizeilichen Beobachtung hinausgingen.[3] Infolgedessen führte die Berliner Polizei in den Nachmittags- und Abendstunden des 11. Mai eine umfassende Reihe von Haussuchungen durch. Diese richteten sich gegen in Frage kommende führende Persönlichkeiten und Verbände der Rechtsbewegung.[4]

Das bei diesen Durchsuchungen beschlagnahmte Material konnte am späten Abend noch nicht abschließend gesichtet werden, lieferte der Polizei jedoch bereits handfeste Beweise.[2] Aus den konfiszierten Dokumenten geht laut dem Vorwärts klar hervor, dass sich die betroffenen Verbände intensiv mit politischen Kampfaufgaben befassen, die in ihren offiziellen Vereinsstatuten keine Erwähnung finden.[2] Besonders schwerwiegend ist ein Fund bei einer nicht namentlich benannten führenden Persönlichkeit.[4] Dort entdeckten die Beamten eine detaillierte Anweisung an die Zentrale der Organisation. In dieser wurden die genauen taktischen Einzelheiten für einen konzentrischen Angriff gegen Berlin geregelt.[3] Im Zuge dieser Ermittlungen wurde der Führer des Sportvereins Olympia, Oberst a. D., auf das Polizeipräsidium zitiert und einem eingehenden Verhör unterzogen.[2][5] Dem Hamburger Echo zufolge macht die rechtsgerichtete Deutsche Zeitung zudem weitere Angaben zu den polizeilichen Maßnahmen und berichtet, dass unter anderem auch ein ehemaliger Admiral von den Razzien betroffen sei.[5]

Die Enthüllungen der Polizei treffen in der Hauptstadt auf ein geteiltes Echo. Während die unmittelbare Gefahrenabwehr begrüßt wird, mahnen bürgerliche Blätter zur Vorsicht gegenüber der Sensationsmeldung. Die Deutsche Allgemeine Zeitung fordert unmissverständlich, der Polizeipräsident müsse nun schlüssige Beweise für diese schweren Anschuldigungen erbringen.[4] Zwar verurteilt jeder vernünftige Mensch in Deutschland derartige Bestrebungen auf das Allerschärfste und wünscht das Eingreifen der staatlichen Machtmittel, falls die Putschgerüchte wirklich der Wahrheit entsprächen.[4] Allerdings ist das deutsche Volk durch vergangene Erfahrungen gegenüber solchen Meldungen äußerst misstrauisch geworden.[4] Die Zeitung erinnert in diesem Zusammenhang an das angeblich geplante Attentat auf den ehemaligen Reichskanzler Wirth. Dessen gänzliche Haltlosigkeit stellte sich erst im Nachhinein heraus.[4]

Zudem wird von einigen Beobachtern der Zeitpunkt der überraschenden polizeilichen Aktion hinterfragt. In Teilen der Presse findet sich die Vermutung, dass die Razzien nicht gänzlich frei von tagespolitischen Motiven durchgeführt wurden.[4] So fragt die Deutsche Allgemeine Zeitung offen, ob gewisse Kreise im gegenwärtigen Augenblick der hitzigen parlamentarischen Auseinandersetzung über die Flaggenverordnung ein parteipolitisches Interesse an der Verbreitung derartiger Nachrichten hätten.[4] Auch das Harburger Tageblatt überschreibt seinen kurzen Nachrichtenbericht mit der spöttischen Bemerkung, die Berliner Polizei sehe rechtsradikale Gespenster.[3] Nach Angaben der rechtsbürgerlichen Presse müssen nun weitere Einzelheiten aus der Aktenauswertung abgewartet werden, bevor ein abschließendes Urteil gefällt werden kann.[4]