Seit Donnerstagmorgen um 5 Uhr mitteleuropäischer Zeit herrscht in ganz Skandinavien und Amerika bange Ungewissheit über das Schicksal der Nordpolexpedition. Die drahtlose Station in Nome in Alaska, dem geplanten Landeplatz des Luftschiffes Norge, hat jeglichen Kontakt zu Roald Amundsen, Lincoln Ellsworth und Umberto Nobile verloren.[1] Entlang der nordamerikanischen Küste wächst die Sorge erheblich, da sich die Wetterbedingungen rapide verschlechtern. Wie die Washington Post meldet, ist das Barometer in den vergangenen 24 Stunden um mehr als einen halben Zoll gefallen. Dies deutet auf einen heraufziehenden schweren Sturm hin.[2] Fachkreise in Oslo befürchten, das Luftschiff sei nach dem Erreichen des alaskischen Festlandes in einen Zyklon geraten.[1]

Die letzten Lebenszeichen des Expeditionskorps sind bruchstückhaft und teils widersprüchlich. Ein letzter Funkspruch brach infolge einer technischen Störung im Aufnahmeverfahren mit den Worten ab: „Wir fahren jetzt Richtung Nome, bitte…“[1] Nach Angaben der Washington Times fing die Marinefunkstation auf der Insel St. Paul im Beringmeer noch am späten Mittwochabend auf einer Welle von 900 Metern mehrfache Rufe auf.[3] Die Norge funkte: „Luftschiff Norge mit Ziel Nome, Alaska. Bitte antworten, falls uns jemand hört.“[3] Wenige Minuten später folgte die verzweifelte Frage: „Hört uns irgendjemand?“[3] Dem Evening Star zufolge registrierten die drei Stationen St. Paul, Seward und Hinchinbrook fast zeitgleich den Empfang dieser Signale. Eine knappe Stunde nach Mitternacht trat dann völlige Funkstille ein.[4]

Über die Ursachen der extremen Verspätung kursieren derzeit verschiedene Theorien. Die Badische Presse schreibt, das Luftschiff habe möglicherweise mit widrigen Winden zu kämpfen oder werde durch eine schwere Schneedecke massiv belastet, was die Reisegeschwindigkeit erheblich mindere.[5] Ferner wird spekuliert, Amundsen habe nicht den direkten Kurs genommen, sondern absichtlich große Kreisflüge unternommen, um gründliche meteorologische Beobachtungen im arktischen Gebiet anzustellen.[5] Unbestätigten Berichten zufolge soll das Luftschiff noch in einer Höhe von 500 Fuß über Point Barrow gesichtet worden sein. Dieser Ort liegt etwa 550 Meilen nördlich von Nome.[2][5] Amerikanische Zeitungen berichten derweil sogar über Vermutungen aus Alaska, die Verzögerung könne eine bewusste List Amundsens sein.[4]

In Nome selbst hält die kleine Bevölkerung — zumeist Eskimos — trotz der stürmischen Witterung unverdrossen Wache.[2] Die Bewohner haben in Erwartung der Helden eigens einen Triumphbogen errichtet.[2][5] Der norwegische Konsul am Ort hatte laut dem Pariser Temps noch vor dem Verschwinden eine letzte Depesche Amundsens erhalten.[6] Darin bat der Expeditionsleiter, einhundert Mann für die Landung bereitzuhalten, da er beabsichtige, das Luftschiff sofort nach Ankunft zu entleeren und per Dampfer in die Vereinigten Staaten zu verschiffen.[6]

Während die amerikanische Öffentlichkeit bangt, erholt sich der amerikanische Flieger Richard E. Byrd auf Spitzbergen von seinem eigenen Polflug.[1] Byrds Mannschaft, deren Flug von Industriellen wie Edsel Ford finanziert wurde, arbeitet an der Instandhaltung ihrer Wright-Motoren für mögliche weitere Vorstöße ins arktische Eis.[1][4]

Für die Mannschaft der Norge könnte es kritisch werden. In Oslo erinnert man sich wieder daran, dass Amundsen vor seinem Start mehrfach andeutete, er rechne mit dem Verlust des Schiffes.[1] Die Deutsche Allgemeine Zeitung verweist hierbei auf das Urteil des dänischen Polarforschers Knud Rasmussen.[1] Rasmussen erklärte, die Norge sei mit ihren 19.000 Kubikmetern Fassungsvermögen für eine Nordpolexpedition viel zu klein.[1] Sie sei bedeutend anfälliger als das Luftschiff ZR III, das bei seiner Atlantiküberquerung über 70.000 Kubikmeter Volumen aufwies.[1] Das Risiko, das Amundsen auf sich genommen habe, sei außerordentlich groß — auch wenn ein Erfolg die Größe seiner Tat unterstreichen würde.[1]