Die südchinesische Metropole Kanton durchlebt gegenwärtig eine Phase höchster politischer Anspannung, die von Gerüchten über eine bevorstehende Machtübernahme radikaler Kräfte begleitet wird.[1] Wie der Hong Kong Telegraph berichtet, zirkulieren in der Stadt hartnäckige Spekulationen, wonach bereits am morgigen 15. Mai ein kommunistisches Regime ausgerufen werden solle.[1] Örtliche Geschäfte haben in den vergangenen Tagen rund 30.000 Abzeichen mit bolschewistischen Symbolen gefertigt.[1] An markanten Punkten der Stadt wurden zudem Plakate angebracht. Auf diesen fordern vereinigte Arbeiter das Ende der Kapitalisten und kündigen den Beginn der kommunistischen Herrschaft an.[1]
Angesichts dieser bedrohlichen Lage hat General Tschangkaischek entschlossenes Vorgehen angekündigt.[2] Die China Mail meldet, dass der Militärführer eine unmissverständliche Warnung aussprach: Jeder Versuch, die Regierungsstrukturen zu stören oder zu beseitigen, werde gewaltsam unterdrückt.[2] Die Autorität der radikalen Streikposten wird zunehmend infrage gestellt. Auch unter Arbeitern und Bauern kommt es zu Spannungen: Während ein Teil den kommunistischen Agitatoren folgt, stellen sich andere auf die Seite der nationalistischen Partei (Kuomintang).[2]
Die tiefe Zerrissenheit der Bevölkerung zeigt sich besonders deutlich in der Studentenschaft. Diese ist längst in ein kommunistisches und ein antikommunistisches Lager gespalten.[1] Nachdem einer Gruppe kürzlich die Nutzung der Räumlichkeiten der Kanton-Universität verwehrt worden war, verlagerten sich die Versammlungen unter freiem Himmel auf den östlichen Paradeplatz.[1] Am sogenannten 'Demütigungstag' kam es in der Universität zu einem offenen Konflikt zwischen den rivalisierenden Gruppierungen. Dabei wurden zahlreiche Personen verletzt; drei Studenten mussten mit schweren Blessuren in ein Krankenhaus eingeliefert werden.[1]
Zusätzlich zur politischen Krise leidet die Kantoner Regierung unter erheblichen finanziellen Nöten.[1] Ein Versuch, das Salzmonopol im Distrikt Chao-Kew für zwei Millionen Dollar jährlich zu verpachten, droht zu scheitern.[1] Das Hauptproblem besteht darin, dass staatliche Einnahmen in einigen Fällen bereits für bis zu drei Jahre im Voraus eingetrieben wurden. Deshalb fehlt potenziellen Pächtern die Einkommensgrundlage.[1]
Die unübersichtliche Lage hat in den Führungskreisen der Kuomintang bereits spürbare Konsequenzen ausgelöst.[1] Nach vorliegenden Berichten hat der hohe Parteifunktionär Wangtschingwei Kanton in Richtung Hongkong verlassen.[2] Auch Kum Nai-kwong, der zeitweise sechs Ämter gleichzeitig innehatte und von Wangtschingwei beauftragt worden war, die zerstrittenen Studenten zu versöhnen, legte seine Posten nieder und reiste hastig in Richtung Wutschou (Wuzhou) ab.[1] Damit ist der Weg für eine entscheidende Kraftprobe am Perlfluss bereitet, deren Ausgang das Schicksal Südchinas bestimmen dürfte.[1]