Die quälende Ungewissheit, die die Weltöffentlichkeit in den vergangenen Tagen in Atem hielt, hat ein glückliches Ende gefunden. Wie die sowjetische Prawda unter Berufung auf das italienische Nachrichtenbüro Stefani meldet, ist das Luftschiff „Norge“ der Amundsen-Ellsworth-Nobile-Expedition sicher an der Küste Alaskas gelandet.[1] Der offizielle Bericht besagt wörtlich: „Die Ankunft des Luftschiffes ‚Norge‘ in Teller auf Alaska wird bestätigt.“[1] Die rettende Nachricht erreichte Europa über Rom, nachdem die Ehefrau des italienischen Luftschiffkonstrukteurs Umberto Nobile ein erlösendes privates Telegramm empfangen hatte.[1] Damit ist die erste Überquerung des Nordpolarmeeres von Europa nach Amerika glanzvoll geglückt.
Zuvor waren fast vier Tage vergangen, in denen das Schicksal der kühnen Polarforscher vollständig im Dunkeln lag. Laut der Washington Post waren seit dem Start in Kings Bay auf Spitzbergen 91 Stunden verstrichen.[2] Die letzte gesicherte Sichtung stammte aus der Region über Point Barrow an der Nordküste Alaskas; seitdem waren weitere 46 Stunden vergangen, ohne dass auch nur ein einziges Lebenszeichen die horchenden Funkstationen erreicht hätte.[2] Der Westfälische Merkur berichtet, dass die Funkstationen in ganz Alaska die strikte Anweisung erhielten, den gewöhnlichen zivilen Telegrafenverkehr sofort zu unterbrechen.[3] Jede Anstrengung wurde verstärkt, um auch das schwächste Signal des Luftschiffes aufzufangen.[3] Die meteorologischen Bedingungen im Norden und Nordosten von Nome wurden als überaus günstig eingestuft.[3] Lediglich südlich von Nome, in Richtung der Aleuten, tobte ein schwerer Sturm, und in Nome selbst fiel leichter Schnee.[2][3]
In der allgemeinen Nervosität kam es in den vergangenen Tagen wiederholt zu voreiligen Meldungen. So zitiert das Hufvudstadsbladet eine aus Berlin stammende Falschmeldung, wonach die „Norge“ bereits am Donnerstagabend nach einer Flugzeit von 58 Stunden unbeschadet in Nome gelandet sei.[4] Diese Behauptung, die in zahlreichen Nachmittagsblättern zirkulierte und von einer angeblich starken Nebelbank sprach, welche die Beobachtung erschwert habe, musste wenige Stunden später eilig dementiert werden.[4]
Während das Schicksal der Entdecker unklar blieb, wurden von den Experten verschiedene Theorien aufgestellt. Rolf Thomassen, der Präsident des norwegischen Luftfahrtvereins, äußerte früh die Vermutung, dass das Luftschiff zwischen Point Barrow und Nome eine Notlandung habe vornehmen müssen.[3] Wie die amerikanische Presse meldet, nahm Thomassen an, dass die Batterien der Funkanlage schlicht erschöpft seien.[2] Außerdem wies man in Oslo darauf hin, dass die Besatzung im Falle einer Landung im unwegsamen Gelände Alaskas oder Sibiriens zunächst einen großen Antennenmast errichten müsste, um senden zu können — ein Unterfangen, das viel Zeit in Anspruch nehmen würde.[2][4] Aus diesem Grund sah Thomassen keinen Anlass zu ernster Beunruhigung.[2]
Der deutsche Luftschiffkapitän Anton Heinen entwarf hingegen ein weitaus dramatischeres Szenario. Nach Angaben der Badischen Presse ging Heinen davon aus, dass die „Norge“ in einen der heftigen Schneestürme der Beringstraße geraten sei.[5] Er vermutete, dass das Schiff fortwährend Kreisfahrten machen müsse, um mit dem Sturm zu ziehen, und dass es dabei möglicherweise über die sibirische Küste in die Nähe der Wrangelinsel abgetrieben worden sei.[5] Heinen schätzte, die Entdecker hätten Nordalaska noch mit mehr als der Hälfte ihrer Benzinvorräte erreicht, und sah gute Chancen, dass sie von Sibirien aus schließlich doch noch nach Nome gelangen würden.[5]
In amerikanischen Kreisen zirkulierte derweil eine völlig andere, beinahe waghalsige Interpretation der Verzögerung. Wie die China Mail aus New York berichtet, blieben enge Freunde von Roald Amundsen auffallend unbesorgt.[6] Sie nahmen an, der norwegische Entdecker nutze die Fahrt, um das noch unerforschte Gebiet weiter zu erkunden, als ursprünglich beabsichtigt war.[6] Demnach habe Amundsen gezielt nach geeignetem Land gesucht, das in Zukunft als Zwischenstation für die Brennstoffversorgung dienen könnte, sofern transpolare Flüge eine gängige Reisemethode würden.[6] Diese Theorie wurde von Beobachtungen gestützt, wonach die „Norge“ möglicherweise nach Erreichen der Küste bei Point Barrow nochmals zurückgeflogen sei, um einen besseren Überblick zu gewinnen.[3]
Um die Ungewissheit zu beenden, war ein umfassendes militärisches Netzwerk mobilisiert worden. Die Marinestation am Puget Sound kontrollierte jeden möglichen Kommunikationskanal und stand in ständiger Verbindung mit dem Marinestützpunkt in Cordova, der wiederum alle Stationen der Armee in Alaska vernetzte.[2] Jedes Funksignal, das über dem Nordpazifik aufgefangen wurde, prüfte man sorgfältig.[2] Nun aber sind all diese Spekulationen und Suchaktionen durch die freudige Nachricht aus Teller hinfällig geworden. Die Pioniere haben dem Eis getrotzt und der modernen Luftfahrt einen historischen Erfolg gesichert.