Die Entscheidung über die Neubildung des Kabinetts tritt in eine entscheidende Phase.[1] Nachdem die bisherige Regierung gestürzt war, hatte der Reichspräsident dem Reichswehrminister Dr. Geßler den Auftrag erteilt, als Makler zwischen den Parteien zu wirken.[1] Nach Angaben der Kölnischen Zeitung stieß eine mögliche Kanzlerschaft Geßlers jedoch auf breiten Widerstand.[2] Die Sozialdemokraten planten bereits einen Misstrauensantrag. Auch in der Demokratischen Partei sowie der Deutschen Volkspartei galt der Wehrminister keineswegs als willkommener Kandidat.[2] Zudem richteten sich grundsätzliche Bedenken gegen die Vereinigung der Ämter des Reichskanzlers und des Reichswehrministers in einer Hand; dies hätte zu einem Konflikt mit der militärischen Befehlsgewalt des Reichspräsidenten führen können.[3] Schließlich lehnte Geßler den Auftrag zur eigenen Kabinettsbildung ab.[3] Er erstattete dem Staatsoberhaupt Bericht und stellte fest, dass er auf der bisherigen parlamentarischen Grundlage keine Regierung bilden könne.[3]
Daraufhin fiel die Aufgabe der Regierungsbildung dem Zentrum zu.[3] Der Fraktionsvorstand des Zentrums trat umgehend mit dem Kölner Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer in Verbindung, um dessen Bereitschaft zur Übernahme der Kanzlerschaft zu erfragen.[1] Wie das Berliner Tageblatt meldet, traf Dr. Adenauer in der vergangenen Nacht in Berlin ein. Dort wurde er sogleich von dem Gewerkschaftsführer Stegerwald empfangen.[4] Am heutigen Vormittag soll nun eine maßgebliche Besprechung in der Reichskanzlei stattfinden, in der das Zentrum seinen Vorschlag formell präsentiert und die übrigen Fraktionen ihre Stellungnahme abgeben.[1]
Dr. Adenauer strebt offenbar an, eine sogenannte Große Koalition zu bilden.[5] Zu diesem Zweck hat er bereits Kontakt mit dem Sozialdemokraten Hilferding aufgenommen.[5] Die Badische Presse berichtet jedoch, dass dieses Vorhaben erhebliche Schwierigkeiten aufwirft.[5] Der Führer der Deutschen Volkspartei, Dr. Scholz, machte dem Kölner Oberbürgermeister bereits am Samstagmorgen unmissverständlich klar, dass eine solche Koalition aus inhaltlichen Gründen kaum in Betracht komme.[5] Zwischen Sozialdemokratie und Volkspartei fehle die Grundlage für ein gemeinsames, tragfähiges Regierungsprogramm.[5] Das Haupthindernis für eine umfassende Einigung ist gegenwärtig die Frage des bevorstehenden Volksentscheids über die Fürstenabfindung.[3]
Unterdessen zeigen die Demokraten große Bemühungen, die bisherige Regierungskoalition zu retten.[1] Sie erkennen offenbar, dass ihr jüngstes Abstimmungsverhalten nicht zur Bildung einer Großen Koalition führen wird, sondern dazu, dass sie sich selbst aus der Regierung entfernen könnten.[1] Dem Westfälischen Merkur zufolge betrachten die Demokraten die viel diskutierte Flaggenverordnung nunmehr lediglich als nebensächlich.[3] Ihr politischer Kampf habe sich weniger gegen den Erlass selbst als vielmehr gegen die Person Luthers gerichtet.[3] Nur in einem Punkt blieben die Demokraten unnachgiebig: Sie weigerten sich strikt, Herrn Koch als Kanzlerkandidaten zu benennen.[1] Dies gab dem Zentrum den Anlass, die Führung zu übernehmen und aus den eigenen Reihen einen Kanzler zu stellen. Dabei spielte auch die Erwägung eine Rolle, sich für die Übergangszeit breiter im Kabinett zu verankern.[1]
In parlamentarischen Kreisen werden neben Dr. Adenauer noch weitere Namen genannt, doch wird deren Aussicht auf Erfolg als deutlich geringer eingeschätzt. Die Kandidatur Stegerwalds gilt laut dem Berliner Tageblatt als ausgeschlossen, da dieser wegen seiner Leitung der christlichen Gewerkschaften kein Interesse an der Übernahme der Regierungsgeschäfte zeigt.[4] Auch der Name des Landeshauptmanns der Rheinprovinz, Horion, wurde genannt. Das Zentrum hat ihn bisher jedoch nicht offiziell in Vorschlag gebracht.[4] Außenminister Dr. Stresemann gilt für das Kanzleramt ohnehin als ausgeschlossen, weil sein Ressort an der umstrittenen Flaggenverordnung mitgewirkt hat.[3]
Ob Dr. Adenauer letztlich das Kanzleramt übernimmt, hängt wesentlich davon ab, wie seine Person bei der Deutschen Volkspartei aufgenommen wird. Dort werden nach Berichten angeblich Einwände erhoben, die sich auf Adenauers Haltung nach der Revolution beziehen. Er soll sich damals für eine stärkere Selbstständigkeit der Rheinlande von Preußen eingesetzt haben.[4] Diese Einwendungen werden in Berlin jedoch allgemein als sachlich unbegründet betrachtet, da Adenauers Politik lediglich auf eine administrative Neugestaltung innerhalb des Deutschen Reiches abzielte.[4] Nun bleibt abzuwarten, ob der Kölner Oberbürgermeister die erheblichen innenpolitischen Differenzen zu überbrücken vermag.[3]