Die europäischen Devisenmärkte werden gegenwärtig von schweren Erschütterungen heimgesucht, die insbesondere die Währungen Italiens und Polens in Mitleidenschaft ziehen. Wie die Neue Freie Presse meldet, hat der beunruhigende Rückgang der Lira in römischen Wirtschaftskreisen erhebliche Erregung ausgelöst.[1] Die jüngsten Notierungen zeichnen ein düsteres Bild der italienischen Valuta: Das englische Pfund, das zuletzt bei 122,37 lag, kostete nunmehr 133 Lira, während der Dollar von 25,16 auf 27,44 und die Reichsmark von 5,99 auf 6,60 stiegen.[1] Außerbörslich sollen die Kurse sogar noch höher liegen, als es die amtlichen Mitteilungen ausweisen.[1]
Die internationale Finanzwelt beobachtet die Währungspolitik der großen Notenbanken mit Aufmerksamkeit. So weilte der Gouverneur der New Yorker Federal Reserve Bank, Strong, in Europa, um der Bank von England während des britischen Generalstreiks mit einem Kredit von 500 Millionen Dollar den Kurs des Pfundes zu stützen.[1] Die Ursachen für die italienische Talfahrt werden in Rom unterschiedlich bewertet. Während Fachleute den Sturz primär auf die ständige Verschlechterung der italienischen Handelsbilanz zurückführen, sucht die Regierung nach externen Faktoren.[1] Einem offiziellen Kommuniqué zufolge erklärte der Finanzminister, die Krise sei maßgeblich durch die mit dem britischen Streik verbundenen Bewegungen auf den internationalen Geldmärkten sowie durch gezielte Liraspekulationen hervorgerufen worden.[1]
Noch schlechter bestellt ist es derweil um die polnische Währung: Der von Marschall Pilsudski (Józef Piłsudski) inszenierte Staatsstreich hat den Zloty in einen beispiellosen Abgrund gestürzt. Laut der Kölnischen Zeitung stürmten Pilsudskis Truppen das Palais des Staatspräsidenten und nahmen einen Teil des Kabinetts gefangen.[2] Die wirtschaftlichen Rückwirkungen dieser gewaltsamen Umwälzung trafen unmittelbar die Freie Stadt Danzig.[2] Dort fiel der Zloty im Vormittagshandel von 45 bis auf 20 Zloty für 100 Danziger Gulden.[2] In Danziger Börsenkreisen herrscht Ratlosigkeit, da die Händler durch die plötzliche Entwertung herbe Verluste erlitten haben.[2] Das Einhalten von Lieferabschlüssen ist praktisch unmöglich geworden, und die polnische Post in Danzig hat die Auszahlung von Geldern eingestellt.[2]
Ausländische Beobachter verurteilen das Vorgehen scharf. Dem Figaro zufolge hat Pilsudski ein verwerfliches Mittel gewählt und trägt eine große Verantwortung für das vergossene Blut.[3] Die Pariser Zeitung mahnt eindringlich, dieser Konflikt sei ein Verrat am Vaterland.[3] Nach Angaben der Kölnischen Zeitung befürchten diplomatische Kreise einen vollständigen Verlust des polnischen Kredits im Ausland, da das Land, das sich in Locarno noch als Hüter des Friedens dargestellt hatte, nun in seiner ganzen inneren Zerrissenheit als Unruheherd erscheint.[2]