Die Hauptstadt erlebt ein politisch außerordentlich unruhiges Wochenende, nachdem die Regierungskrise eine neue, unerwartete Wendung genommen hat. Dr. Hans Luther, der bisherige Reichskanzler, zog am Samstagnachmittag einen Schlussstrich unter seine Amtszeit. Wie die Badische Presse berichtet, flog Dr. Luther um 15 Uhr vom Tempelhofer Feld nach Essen ab, wobei sich mehrere Reichsminister und Vertreter der Deutschen Luft Hansa zu seiner Verabschiedung eingefunden hatten.[1] Während das Flugzeug die Hauptstadt hinter sich ließ, rangen die verbliebenen politischen Akteure in Berlin intensiv um die Bildung einer neuen Regierung.

Der Kölner Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer war bereits am Freitag auf ausdrücklichen Wunsch der Zentrumfraktion in Berlin eingetroffen.[1] Sein Ziel war es, die verfahrene Situation zu klären und die Möglichkeiten einer Kanzlerschaft auszuloten. Eine von ihm autorisierte Erklärung, die durch das Nachrichtenbüro verbreitet wurde, bestätigte diese Mission: Er sei zu Verhandlungen über eine Lösung der Regierungskrise angereist.[2] Dr. Adenauer machte jedoch von Beginn an eine klare strategische Vorgabe. Er betonte, dass eine wirklich ersprießliche Regierung angesichts der äußerst schwierigen innen- und außenpolitischen Verhältnisse zwingend auf einer festen parlamentarischen Mehrheit basieren müsse.[1] Konkret strebte der Kölner Oberbürgermeister die Bildung der sogenannten Großen Koalition an.[3]

Um diese breite Basis zu sichern, nahm Dr. Adenauer umgehend Fühlung mit den maßgeblichen Kräften auf. Er sprach mit dem geschäftsführenden Reichskanzler und Reichswehrminister Dr. Otto Geßler, der vom Reichspräsidenten mit der Führung der Sondierungen beauftragt war.[1] Zudem trat er an die Führer der Sozialdemokratischen Partei und der Deutschen Volkspartei heran.[1] Dem Berliner Tageblatt zufolge verliefen die ersten Gespräche zunächst hoffnungsvoll, da sowohl das Zentrum als auch die Sozialdemokraten zusagten, sich zur geeigneten Zeit für eine Große Koalition einzusetzen.[4]

Allerdings traten rasch die tiefen politischen Gegensätze hervor. Die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, dass die Sozialdemokraten wenig Neigung erkennen ließen, sich noch vor dem anstehenden Volksentscheid verbindlich festzulegen.[3] Auch die Fraktion der Demokraten äußerte die Befürchtung, dass eine Große Koalition im gegenwärtigen Augenblick kaum durchführbar sei.[3] Das endgültige Scheitern der Bemühungen Dr. Adenauers wurde jedoch durch die kategorische Weigerung der Deutschen Volkspartei besiegelt.[4] Ihr Vorsitzender Ernst Scholz erklärte offen, dass die Deutsche Volkspartei zwar grundsätzlich die Möglichkeit einer Großen Koalition anerkenne, diese jedoch im jetzigen Moment ausgeschlossen sei.[1] Scholz begründete dies mit der politischen Haltung der Linken: Es sei den bürgerlichen Parteien nicht möglich, mit den Sozialdemokraten gemeinsam die Regierung zu bilden, solange diese mit den Kommunisten die Fürstenenteignung betrieben.[1]

Nach dieser unmissverständlichen Absage in den frühen Nachmittagsstunden zog Dr. Adenauer die Konsequenzen.[4] Er teilte Dr. Geßler in einer weiteren Unterredung mit, dass er die Zentrumfraktion gebeten habe, von dem Vorschlag seiner Person beim Reichspräsidenten Abstand zu nehmen.[3] Damit war dieses parteipolitische Zwischenspiel beendet, und Dr. Adenauers kurze Gastrolle in der Berliner Reichspolitik fand ein rasches Ende.[1]

Die geschäftsführende Regierung musste nun schnell handeln, um die Krise nicht zu verschleppen. Um 16 Uhr trat das Kabinett unter der Leitung von Dr. Geßler zusammen.[4] Dort unterbreitete der Reichswehrminister den Vorschlag, die Regierung aus sich selbst heraus zu reorganisieren.[3] Sollte der Reichspräsident einen der bisherigen Minister berufen, könne man die Staatsgeschäfte als reines Beamtenkabinett mit geringer Parteibindung weiterführen.[3]

Die Suche nach einem geeigneten Kanzlerkandidaten innerhalb des Ministerkollegiums verlief zwar kurz, war jedoch aufschlussreich. Dr. Geßler schied aus den Überlegungen aus.[1] Zunächst fiel der Blick auf den dienstältesten Arbeitsminister Heinrich Brauns.[1] Dessen Berufung stieß jedoch auf großen Widerstand, da er katholischer Geistlicher ist und eine Kanzlerschaft in entsprechenden Kreisen als nicht tragbar angesehen wurde.[1] Schließlich einigte sich das Kabinett auf den bisherigen Reichsjustizminister Dr. Wilhelm Marx.[1] Diese Entscheidung fiel auch, um dem Wunsch des Zentrums zu entsprechen, das unbedingt den Reichskanzler stellen wollte.[1]

Mit diesem Beschluss begab sich Dr. Geßler am späten Nachmittag zu Paul von Hindenburg.[3] Der Reichspräsident, der eine Fortdauer der unsicheren Verhältnisse ablehnt, griff sofort ein und bat Dr. Marx gegen 19 Uhr zu sich.[1] Laut dem Vorwärts überreichte Hindenburg ein formelles Schreiben, das den Ernst der Lage in eindringlichen Worten festhielt.[2] Hindenburg schrieb: „Aus den Berichten, die der von mir mit der Klärung der politischen Lage betraute Reichswehrminister Dr. Geßler mir erstattet hat, habe ich ersehen müssen, dass eine Änderung der parteipolitischen Verhältnisse und Zusammensetzung entweder überhaupt nicht oder nur nach langwierigen, im Erfolge zweifelhaften Verhandlungen erreicht werden könnte.“[2]

Der Reichspräsident fügte den unmissverständlichen Appell hinzu: „Eine solche lange Regierungskrise verträgt aber die gegenwärtige Lage des Reichs nicht.“[2] Es erscheine ihm zur Überwindung der Schwierigkeiten notwendig, dass die bisherige Reichsregierung ihre Tätigkeit fortsetze, und er bitte Dr. Marx als ältestes Mitglied der Regierung und Vertreter der größten Partei, das Amt des Reichskanzlers zu übernehmen.[2]

Dr. Marx hat das Amt jedoch nicht sofort angetreten, sondern sich eine Bedenkzeit bis zum Sonntagmittag erbeten, um die politische Rückendeckung seiner Partei zu prüfen.[2] Um 18 Uhr trat die Zentrumfraktion zu einer langen Sitzung zusammen, in der insbesondere eine starke Erregung gegen die Deutsche Volkspartei herrschte.[2] Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, wirft man der Volkspartei vor, das politische Steuer nach rechts wenden zu wollen.[2] Das Zentrum, so betonten zahlreiche Redner, habe keine Absicht, sich zum „Schleppenträger“ der Wünsche der Volkspartei zu machen.[2]

Die Sitzung wurde gegen 22:30 Uhr ohne endgültigen Beschluss auf den Sonntagmorgen vertagt.[2] Es gilt als möglich, dass die Zentrumfraktion ihrem Führer Dr. Marx nahelegen könnte, den Auftrag zur Regierungsbildung nicht anzunehmen.[2] Dies, so heißt es im Fraktionsumfeld, würde auch seinen eigenen Wünschen entsprechen.[2] Die Zentrumfraktion behält sich offenbar vor, dem Reichspräsidenten von sich aus einen anderen Kandidaten vorzuschlagen; dabei wird erneut Dr. Brauns genannt.[2] Ob am Ende die staatspolitische Einsicht oder die Enttäuschung über das Scheitern der Großen Koalition den Ausschlag gibt, wird sich in den nächsten Stunden zeigen.