Nachdem der Reichstag den Gesetzentwurf über die entschädigungslose Enteignung der ehemaligen Fürstenhäuser abgelehnt hat, hat das Reichskabinett nun einen endgültigen Entschluss gefasst.[1] Die Regierung gibt dem Wunsch des Volksbegehrens statt und wird den Volksentscheid am Sonntag, dem 20. Juni, abhalten lassen.[1][2] Die entsprechende Verordnung zur Durchführung des Urnengangs wird vom Reichsminister des Innern noch im Laufe des heutigen Tages veröffentlicht.[1][2] Parallel hierzu wird der Ältestenrat voraussichtlich beschließen, den Reichstag vom 20. Mai bis zum 4. Juni in die Ferien zu schicken.[1]
Der politische Druck auf die Regierung war in den vergangenen Wochen gewachsen, da reichsweit rund 12,5 Millionen Wähler das Volksbegehren mit ihrer Unterschrift unterstützt hatten.[3] Die Auseinandersetzungen über die Vermögenswerte der ehemaligen Monarchen werden auch in den Landesparlamenten mit unverminderter Härte geführt. Im sächsischen Landtag kam es zu heftigen Angriffen der kommunistischen Fraktion gegen die sozialdemokratisch geführte Landesregierung.[3] Die Kommunisten warfen der Regierung vor, dem ehemaligen König August von Sachsen eine Jahresrente von 50.000 Mark zu gewähren und ihm die Schätze aus dem Grünen Gewölbe sowie der Gemäldegalerie zu überlassen.[3] Die radikale Linke kritisierte, dass das Königshaus ehemals unverkäufliche Kunstgegenstände veräußere, um den eigenen Bedarf zu decken, anstatt den Erlös zur Linderung der Not der Erwerbslosen heranzuziehen.[3]
Während die Linke auf eine zügige Umsetzung drängt, bemüht sich das konservative Lager, gegen die Enteignung Stimmung zu machen — jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Dem Hamburger Echo zufolge geriet der groß angekündigte „schwarz-weiß-rote Tag“ der Deutschnationalen in Berlin am Sonntag zu einem Fehlschlag.[4] Die Demonstrationen zogen etwa 6000 Personen an, vor allem junge Männer, die Uniformen des Stahlhelm oder der verbotenen Organisationen Wiking und Werwolf trugen.[4] In der Öffentlichkeit stießen die Aufmärsche vielerorts auf Spott.[4]
Die starke Polizeipräsenz verhinderte größere Ausschreitungen. Dennoch kam es an sechs Orten zu Zusammenstößen, als kommunistische Jugendliche versuchten, die Umzüge zu stören.[4] Die Polizei griff rasch ein und nahm 91 Mitglieder der Kommunistischen Partei fest.[4] Drei Mitglieder der erst kürzlich verbotenen Rechtsorganisationen wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen, da sie provozierend in ihren alten Uniformen erschienen waren.[4] Beobachter bewerten das Festhalten an der Demonstration als taktischen Fehler der Deutschnationalen, da hierdurch der wenig ausgeprägte Rückhalt der Fürsten in der Bevölkerung deutlich wurde.[4]
In den Wochen bis zur Abstimmung sieht sich die Republik einer ernsten Bewährungsprobe gegenüber. Der Vorwärts fordert angesichts des labilen politischen Gleichgewichts vom Reichskanzler Wilhelm Marx mehr „republikanische Energie“, um dem Druck von rechts standzuhalten.[2]