Die Enthüllungen des Amtlichen Preußischen Pressedienstes über angebliche Umsturzpläne rechtsgerichteter Kreise finden breite Beachtung. Unter den aktuell Beschuldigten befinden sich neben Justizrat Claß auch Geheimrat Dr. Hugenberg und der Lübecker Bürgermeister Dr. Neumann.[1] Letzterer hat nun energisch zu den Behauptungen Stellung genommen, er sei in die Vorbereitungen einer illegalen Regierungsbildung verwickelt gewesen.[2]
Nach Angaben der Badischen Presse erklärte Dr. Neumann, dass er auf eine Anfrage des ihm seit Langem befreundeten Justizrats Claß, ob er bei einer „gesetzlichen Neubildung der Regierung“ ein Reichsamt übernehmen wolle, zunächst mündlich ablehnend geantwortet habe.[2] Eine spätere schriftlich geäußerte Hoffnung von Claß auf Zustimmung habe Neumann in einem Privatbrief in höflicher und freundschaftlicher Weise erneut zurückgewiesen.[2] Dr. Neumann betonte nachdrücklich, dieser Brief beziehe sich ausschließlich auf legale Voraussetzungen einer etwaigen Regierungsneubildung.[2] Ein weiteres Schreiben von Claß vom 23. April sei für ihn lediglich ein erneuter Versuch gewesen, ihn zur Übernahme eines Amtes bei einer zukünftigen legalen Regierungsbildung zu überreden.[2] Die veröffentlichte sogenannte „Notverfassung“ sei ihm unbekannt gewesen; er missbillige derartige, „gar nicht ernst zu nehmende Umsturzpläne auf das Schärfste“.[2]
Unterdessen hat auch Justizrat Claß der Korrespondenz Sochazewski eine detaillierte Erklärung übergeben.[1] Dem Vorwärts zufolge bestreitet Claß darin jegliche Putschabsichten in rechtsgerichteten Kreisen.[1] Er räumt jedoch ein, in den vergangenen Monaten mit vielen vaterländisch Gesinnten über die verzweifelte Lage des deutschen Volkes gesprochen und nach Mitteln, Wegen und Männern zur Rettung gesucht zu haben.[1] Dabei habe er sich an Geheimrat Dr. Hugenberg gewandt und diesen gefragt, ob er zur Übernahme eines maßgebenden Reichsamtes bereit wäre.[1] Da Hugenberg ablehnte, habe Claß sich nach dessen Urteil über Dr. Neumann erkundigt und daraufhin beschlossen, bei passender Gelegenheit an diesen heranzutreten.[1] Claß betont, es sei ihm niemand bekannt, der die Rettung des Vaterlandes durch einen Putsch nach dem Muster der angeblich aus dem Jahre 1923 stammenden „Notverordnung“ für möglich halte.[1]
Die innenpolitischen Folgen dieses Vorfalls sind gegenwärtig im Parlament deutlich spürbar.[3] Wie das Berliner Tageblatt berichtet, wird in der heutigen Sitzung des preußischen Landtags eine scharfe Auseinandersetzung zwischen der Staatsregierung und den Deutschnationalen erwartet.[3] Ministerpräsident Braun beabsichtigt, bei der Beratung des Notetats das Wort zu ergreifen und zur Aufklärung der rechtsradikalen Putschpläne Stellung zu nehmen, falls ein Redner der Deutschnationalen ihm dazu Anlass gibt.[3]