In der Volkshalle und vor dem Wiener Rathaus fand am Sonntag eine großangelegte Kundgebung für den Zusammenschluss von Österreich und Deutschland statt.[1] Zu der vom Österreichisch-deutschen Volksbund unter dem Leitwort „Rhein-Donau“ veranstalteten Feierlichkeit waren mehr als 10.000 Teilnehmer aus allen politischen Lagern mit ihren Fahnen aufmarschiert.[1]

Aus dem Deutschen Reich war eine etwa fünfzehnköpfige Abordnung von Vertretern aller Parteien aus dem Rheinland angereist.[2] Der Obmann der österreichischen Ortsgruppe des Volksbundes, Direktor Neubacher, eröffnete die Versammlung mit einem Gedenken an den verstorbenen deutschen Gesandten Dr. Pfeiffer. Dieser sei zeitlebens ein warmer Förderer des Anschlusses gewesen.[1][2] Neubacher betonte die Wesensverwandtschaft der Stämme an Rhein und Donau. Er forderte die Verwirklichung des Anschlusses an das Deutsche Reich.[1]

Als Hauptredner in der Volkshalle überbrachte der Kölner Bürgermeister Dr. Meerfeld die Grüße der rheinischen Metropole.[1][2] Wie das Hamburger Echo berichtet, unterstrich der Sozialdemokrat, dass die Selbstbestimmung des deutschen Volkes auf Dauer durch kein Friedensdiktat und durch keine Waffengewalt verhindert werden könne.[2] Er würdigte die schwarz-rot-goldene Fahne als historisches Symbol der deutschen Zusammengehörigkeit.[2] Die Geschlossenheit der deutschen Parteien in dieser Frage hob Justizrat Dr. Ellenbeck aus Düsseldorf hervor.[1] Namens der Deutschnationalen Volkspartei erklärte er, dass es in dieser Stunde keine Parteien geben dürfe, sondern einzig das deutsche Volk.[2] Nach Angaben der Neuen Freien Presse sprachen sich auch der demokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Bergsträsser und der Zentrumsabgeordnete Hoffmann aus Ludwigshafen nachdrücklich für die staatliche Einheit aus.[1][2]

Auf dem Rathausplatz wandte sich unterdessen der frühere Reichsminister Sollmann an die Massen.[1] Er erinnerte an den Abgesandten des Frankfurter Parlaments von 1848, Robert Blum, der in Wien für die deutsche Einheit gestorben sei.[1][2] Die künstlichen Grenzen, die Diplomaten durch Europa gezogen hätten, nannte Sollmann ein Attentat auf die Freiheit der Nation.[1] Der österreichische Bundesrat Körner ergänzte diese Ausführungen. Er forderte, den Anschluss nunmehr durch wirtschaftliche und soziale Angleichung vorzubereiten.[2] Im Anschluss an die Kundgebung wurden die reichsdeutschen Gäste von Vizebürgermeister Emmerling im Rathaus feierlich empfangen.[1]