Wie die Washington Post unter Berufung auf Nachrichtenagenturen in London berichtet, erreichen die Weltöffentlichkeit erschütternde Nachrichten über ein erneutes, massives Vorgehen der französischen Mandatstruppen in Syrien.[1] Das Midan-Viertel in Damaskus wurde fünfzehn Stunden lang ununterbrochen mit schwerer Artillerie und aus der Luft beschossen.[1] Berichten zufolge fielen dem Bombardement mehr als 500 Zivilisten zum Opfer, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Auch etwa 100 Aufständische kamen ums Leben.[1][2] Dem Evening Star zufolge wurden in dem bevölkerungsreichen Viertel mindestens 300 Häuser durch Sprenggranaten völlig zerstört.[2]
Ausgangspunkt der jüngsten Kämpfe war ein Angriff drusischer Rebellen auf französische Militärposten am 9. Mai.[1] Nach dem Tod von acht Soldaten zogen sich die Aufständischen mit mehreren Dutzend Kämpfern in den südlich gelegenen Stadtteil Midan zurück und verbarrikadierten sich in den dortigen Wohnhäusern.[1][2] Am folgenden Morgen umstellten 3000 französische Soldaten das von rund 80.000 Menschen bewohnte Quartier.[1][2] Der französische Kommandant forderte die Auslieferung der Rebellen und stellte den Einwohnern ein einstündiges Ultimatum, um eine festgelegte Sicherheitszone aufzusuchen.[1][2] Die Stadtbewohner erklärten, sie seien unbewaffnet und könnten die Rebellen nicht zur Aufgabe zwingen.[1][2] Da das französische Kommando ein direktes Eindringen der Infanterie angesichts drohender hoher Verluste ablehnte, eröffnete die Armee das Feuer.[2] Es wurden schwere Schiffsgeschütze, vier Haubitzen und ein Dutzend Flugzeuge eingesetzt.[1][2]
Das Harburger Tageblatt meldet, dass in vielen Teilen der Stadt rasch Feuersbrünste wüteten.[3] Die Löscharbeiten wurden erheblich erschwert, da die Armee die Wasserversorgung abschnitt, um die Aufständischen aus ihren Stellungen zu vertreiben.[3] Infolge des Angriffs brach unter der Zivilbevölkerung Panik aus. Augenzeugen schildern, wie Frauen und Kinder ziellos durch die von Rauch und Staub verdunkelten Straßen irrten und von einstürzenden Gebäuden verschüttet wurden.[1][2]
Ein Vorfall verdeutlicht die Härte der Kämpfe: Eine Frau mit einem Kind auf dem Arm versuchte, einen Aufständischen mit ihrem Körper zu schützen, in der Hoffnung, die Soldaten würden das Feuer auf eine Mutter einstellen.[1] Sie wurde jedoch ebenso erschossen wie der hinter ihr verborgene Kämpfer.[1] In einem anderen Fall riskierte der Fahrer eines französischen Panzerwagens sein Leben, um eine Frau vor einem verbündeten tscherkessischen Soldaten zu retten, der sie ausrauben wollte.[1]
Trotz des heftigen Trommelfeuers gelang es etwa 110 Rebellen, die französischen Linien zu durchbrechen und in das offene Umland zu entkommen.[1][2] Das rücksichtslose Vorgehen der Mandatsmacht hatte offenbar zur Folge, dass sich nun auch Hunderte zuvor friedliche Bürger den Aufständischen anschlossen, um sich an den Franzosen zu rächen.[1]
Diese Entwicklung steht in scharfem Kontrast zu den offiziellen Erfolgsmeldungen aus anderen Teilen des Landes. So berichtet das Hamburger Echo unter Berufung auf die Agentur Havas, die Pazifizierung im nordwestlichen Drusengebiet gelte nach der Unterwerfung von 56 Dörfern als abgeschlossen.[4] Auch im Südlibanon sollen die Einwohner demnach bereits in ihre zerstörten Ortschaften zurückgekehrt sein und den Telegrafenbetrieb wieder aufgenommen haben.[4] Dennoch zeigt das Vorgehen in Damaskus, dass der syrische Konflikt nicht überwunden ist. Einziger Trost für die geplagte Stadt bleibt, dass bei diesem Bombardement — anders als unter General Sarrail im vergangenen Oktober — keine historischen Monumente vernichtet wurden.[1]