Nach den blutigen Maitagen hat sich die Lage in der polnischen Hauptstadt spürbar beruhigt, und der Schwerpunkt der Auseinandersetzungen verlagert sich von den Straßenkreuzungen in das Parlament.[1] Die militärischen Operationen sind de facto beendet.[2] Wie der Pariser Temps ausführt, kehren sämtliche Regimenter — selbst jene, die das Belvédère verteidigt hatten, sowie die Posener Truppen — in ihre Garnisonen zurück.[2] Die rasche Konsolidierung der militärischen Macht durch Marschall Pilsudski erklärt sich unter anderem durch die Schwierigkeiten seiner Gegner. Der Deutschen Allgemeinen Zeitung zufolge scheiterte der Versuch von General Sikorski, das Lemberger Korps zum Entsatz der Regierungstruppen heranzuziehen, nicht zuletzt am hartnäckigen Widerstand der polnischen Eisenbahner und an der Unschlüssigkeit der eigenen Verbände.[1]
Unterdessen bemüht sich das Lager Pilsudskis, den Staatsstreich moralisch zu rechtfertigen. Oberst Dlugoszewski, ein langjähriger und enger Vertrauter des Marschalls, betonte gegenüber der Auslandpresse, dass ein zweiter Putsch selbst im Falle der Wahl eines rechtsgerichteten Gegenkandidaten durch die Nationalversammlung unwahrscheinlich sei.[2] Dlugoszewski bezeichnete den Umsturz als spontane Explosion der Empörung innerhalb der Armee. Diese habe sich gegen eine von Korruption und Unfähigkeit geprägte Regierung gerichtet.[2] Die Armee, so der Oberst, betreibe keine Politik, verlange jedoch „moralische Sauberkeit“.[2]
Während in Warschau die Lage unter Kontrolle ist, gärt es in den westlichen Landesteilen unvermindert. Aus Berichten des Berliner Tageblatts geht hervor, dass der Posener Woiwode Bninski in einem Rundschreiben an die Landräte und Stadtpräsidenten zwar den Sejmmarschall Rataj als rechtmäßigen Stellvertreter des Staatspräsidenten anerkannt hat. Dennoch verweigert er der neuen Regierung in Warschau die Gefolgschaft.[3] Die nach Posen zurückgekehrten Regimenter, die in Warschau gegen Pilsudskis Verbände gekämpft hatten, wurden von der örtlichen Bevölkerung mit Begeisterung empfangen.[3] Führende Persönlichkeiten der Rechten haben sich in Posen versammelt. Sie wollen eine starke Opposition formieren.[4] Senatsmarschall Trompczynski richtete einen Aufruf an die Bevölkerung und forderte darin absolute nationale Disziplin ein.[3] Seiner Auffassung nach ist jetzt der Woiwode der legitime Vertreter der Behörden, dem Gehorsam zu leisten sei.[3] Dennoch lehnte Trompczynski es ab, selbst als Gegenkandidat für das Präsidentenamt anzutreten. Er begründete dies damit, nicht in die Verlegenheit geraten zu wollen, in näheren Kontakt mit dem amtierenden Kriegsminister Pilsudski treten zu müssen.[3] In Warschau hingegen geht die Staatsmacht bereits gegen ihre schärfsten Widersacher vor. Nach Angaben des Berliner Tageblatts hat die Polizei nach zahlreichen Haussuchungen bei Angehörigen faschistischer Organisationen Verhaftungen vorgenommen.[3] Der vormalige Generalstabschef, General Stanislaus Haller, der in Warschau interniert war, verhandelte derweil mit Ministerpräsident Bartel und beabsichtigt offenbar, den Militärdienst zu quittieren.[3]
Der verfassungsmäßige Ausweg aus der Staatskrise soll durch die Wahl eines neuen Staatsoberhauptes gefunden werden. Wie die Neue Freie Presse meldet, beabsichtigt der amtierende Staatspräsident Rataj, die Einladungen für die Sitzung der Nationalversammlung unverzüglich an die Sejmabgeordneten und Senatoren zu versenden.[4] Teile der Rechten hatten zwar für eine Einberufung nach Krakau plädiert, doch steht Warschau als Tagungsort endgültig fest.[4] Als Termin für das Zusammentreten wird der 29. oder 30. Mai in Aussicht genommen.[4] Neben Pilsudski und Rataj werden als weitere Präsidentschaftskandidaten der ehemalige österreichische Statthalter in Galizien, Dr. Bobrzynski, sowie der vormalige Ministerpräsident Graf Skrzynski genannt.[4]
In der Kandidatenfrage ist inzwischen eine rasche Klärung erfolgt. Nachdem zunächst verlautbart wurde, Marschall Pilsudski sei entschlossen, eine Kandidatur abzulehnen, melden nun mehrere Quellen übereinstimmend seine offizielle Bereitschaft.[4][5] Die Linksparteien haben sich mit den nationalen Minderheiten auf die Unterstützung des Marschalls geeinigt.[3] Die Kölnische Zeitung bestätigt, dass neben den Linksparteien auch die Piastpartei sowie die Nationale Arbeiterpartei in ihrer überwiegenden Mehrheit an der Wahlversammlung in Warschau teilnehmen wollen. Dadurch wäre das für die Verfassungsmäßigkeit der Wahl erforderliche Quorum gesichert.[5]
Über die Präsidentschaftswahl hinaus mehren sich die Stimmen, die eine grundlegende Neuordnung des parlamentarischen Systems fordern. Nach Informationen der sowjetischen Prawda drängt insbesondere die Polnische Sozialistische Partei (PPS) auf baldige Neuwahlen zum Sejm.[6] Es ist vorgesehen, dass der Sejm unmittelbar nach der Nationalversammlung am 1. Juni zusammentritt und über seine eigene Auflösung beschließt.[3] Parallel dazu wird diskutiert, dem zukünftigen Staatspräsidenten außerordentliche Vollmachten zu übertragen, um die Stellung der Exekutive gegenüber der Legislative wesentlich zu stärken.[3][5] Die Linksparteien streben laut jüngsten Meldungen zudem an, künftig lediglich eine parlamentarische Kammer bestehen zu lassen und den Senat ganz abzuschaffen.[3]