Eine verheerende Katastrophe hat am Donnerstagvormittag die kleine unterfränkische Gemeinde Hassloch am Main in eine Stätte des Grauens verwandelt. Gegen 10 Uhr morgens flog die örtliche Pulverfabrik, in der schwerpunktmäßig Jagdmunition hergestellt wurde, in die Luft.[1][2] Die Anlage war erst vor wenigen Jahren errichtet und mit modernen Sicherheitsvorrichtungen ausgestattet worden.[1] Dennoch glich das Gelände unmittelbar nach der Katastrophe einem apokalyptischen Schlachtfeld.

Die Gewalt der Detonation ist kaum zu beschreiben. An der Stelle der einstigen Produktionsstätten gähnt nun ein riesiger Trichter.[3] Nach Berichten der amerikanischen Washington Post war die Erschütterung noch meilenweit zu spüren, während schwere Maschinenteile mehrere hundert Meter weit durch die Luft geschleudert wurden.[4] Dem Vorwärts zufolge bot sich in der Umgebung ein Bild der Verwüstung: Der umliegende Wald wurde bis zur halben Höhe entwurzelt, Straßen und Wiesengründe sind dicht mit Steinen und Trümmern bedeckt, und sämtliche Telegrafenleitungen wurden abgerissen.[3] Selbst im fünf Kilometer entfernten Wertheim zersprangen nahezu alle Fensterscheiben.[2]

Unmittelbar nach dem Unglück eilten Ärzte, Sanitätsmannschaften und Feuerwehren aus allen Nachbarorten an die Unglücksstätte.[1] Die Bergungsarbeiten gestalteten sich äußerst gefährlich, da Flammen aus den Ruinen schlugen und das Risiko weiterer Explosionen die Retter zeitweise zurückhielt.[4] Verschüttete Arbeiter mussten unter Lebensgefahr aus den brennenden Trümmern hervorgezogen werden. Der mutigen Tätigkeit der Feuerwehr ist es zu verdanken, dass das Feuer von den eigentlichen Pulvermagazinen ferngehalten werden konnte.[2]

Über die genaue Zahl der Opfer kursierten in den ersten Stunden zahlreiche Gerüchte. Während die China Mail in einer Eilmeldung von einer „erschütternden Katastrophe“ mit vierzig Toten sprach,[5] verbreiteten auch Berliner Abendblätter Sensationsmeldungen von 41 Todesopfern.[3] Diese Zahlen haben sich jedoch nicht bestätigt. Die offizielle Bilanz der Direktion und Behörden nennt bisher neun Tote, darunter vier Frauen, sowie etwa vierzehn Schwerverletzte.[1][2] Einige der Schwerverletzten schweben noch in Lebensgefahr.[2] Die Angaben über die Gesamtstärke der Belegschaft schwanken: Während das Hamburger Echo von rund 200 Arbeitern berichtet,[2] geht die Deutsche Allgemeine Zeitung von 90 Beschäftigten aus.[1]

Die Ursache der furchtbaren Explosion ist noch nicht abschließend geklärt. In ausländischen Depeschen wurde zunächst eine spontane Selbstentzündung vermutet.[5] Das zuständige Bezirksamt in Marktheidenfeld nimmt jedoch an, dass das Unglück im Kesselhaus seinen Ursprung hatte, da die meisten der vollständig verkohlten Leichen in dessen unmittelbarer Nähe aufgefunden wurden.[3]

Das abseits liegende Verwaltungsgebäude der Fabrik blieb auf eigentümliche Weise unversehrt. Die Geschäftsleitung hat bereits angekündigt, den Wiederaufbau mit großer Beschleunigung in Angriff zu nehmen.[1] In München fand unterdessen das tragische Ereignis einen parlamentarischen Nachhall. Im bayerischen Landtag veranstaltete Präsident Königsbauer am Donnerstagabend eine Trauerkundgebung für die Opfer.[3] Der bayerische Minister für Volkswohlfahrt hat bereits einen größeren Geldbetrag überwiesen, um die erste Not der Hinterbliebenen und Verletzten zu lindern.[3]