Im Zuge der Aufarbeitung rechtsextremer Umtriebe offenbaren die Ermittlungen des Untersuchungsausschusses im preußischen Landtag zunehmend erschütternde Details.[1] Im Mittelpunkt des politischen Interesses steht nun ein detailliert ausgearbeiteter Anschlagsplan gegen den preußischen Innenminister Carl Severing, der offenbar aus den Reihen ehemaliger Angehöriger der Schwarzen Reichswehr stammt.[2] Diese Enthüllungen werfen ein grelles Licht auf die fortdauernde Gefährdung der republikanischen Ordnung durch vaterländische Verbände und deren politische Hintermänner.[1]

Der geplante Mord geht nach Angaben des Berliner Tageblatts auf die Zeit nach dem gescheiterten Küstriner Putsch zurück.[2] Damals war die Lage für die Schwarze Reichswehr unhaltbar geworden. Daraufhin setzten sich Teile der Truppe nach Mecklenburg ab, wo sie vom örtlichen Landbund protegiert wurden.[2] Dort reifte der Plan, Minister Severing in Berlin zu ermorden.[2] Die Verschwörer hatten den Tagesablauf des Ministers genau ausgekundschaftet und wussten, dass er meist gegen elf Uhr vormittags in einem offenen Automobil vom Ministerium zur Reichskanzlei fuhr.[2] An der stark frequentierten Kreuzung Wilhelmstraße und Unter den Linden, wo der Wagen sein Tempo verlangsamen musste, sollte ein Attentäter auf das Trittbrett springen und den Minister erschießen.[2] Zwei weitere Komplizen standen bereit, um mit Eiergranaten das Fahrzeug anzugreifen.[2] Das Attentat scheiterte jedoch an einem glücklichen Umstand: Severing war zur fraglichen Zeit bettlägerig und trat die Fahrt nicht an.[2]

Die politischen Dimensionen dieses Komplotts beschäftigen inzwischen den Untersuchungsausschuss. Vor diesem erhob der inhaftierte Feme-Mörder Grütte-Lehder schwere Vorwürfe gegen die völkischen Abgeordneten Wulle und Kube.[1] Er beschuldigt diese, ihn zum Mord angestiftet zu haben.[1] Dem Vorwärts zufolge untermauerte der Zeuge Böttcher die Verbindung, indem er aussagte, dass Grütte-Lehder an drei verschiedenen Tagen unangemeldet im Parteibüro bei Wulle erschienen sei.[3] Besonders belastend ist ein konfiszierter, heimlich geschriebener Brief, ein sogenannter Kassiber, den Grütte-Lehder an die Abgeordneten richtete.[1] Darin drohte er offen: „Sowohl die Anstiftung, als die Severingsache will ich verschweigen, wenn ich annehmbare Vorschläge von Ihnen erhalte.“[1] Für das geplante Attentat auf Severing soll zudem eigens eine Schwurformel entworfen worden sein, die eine Vereidigung auf General Erich Ludendorff enthielt.[1]

Neben den politischen Verstrickungen treten auch zweifelhafte Kontakte in militärische Kreise hervor. Laut Grütte-Lehder lagerten Waffen der vaterländischen Verbände, darunter der Organisationen „Reinhardt“ und „Olympia“, im Fort Hahneberg nahe Berlin, um im Falle eines Losschlagens sofort verfügbar zu sein.[1] Dass zumindest enge Verbindungen zwischen diesen Gruppen und offiziellen Stellen bestanden, räumte auch der stellvertretende Reichswehrminister Wilhelm Külz im Parlament ein.[3] Külz bestätigte, dass ein Oberst Lock, welcher die getarnte Organisation „Olympia“ führt, bei der Einstellung junger Leute in die Reichswehr systematisch zu Rate gezogen wurde, um deren völkische Gesinnung zu überprüfen.[3] Angesichts dieser schweren Vorwürfe hat die Justizverwaltung angekündigt, beim preußischen Landtag und beim Reichstag unverzüglich die Aufhebung der Immunität der Abgeordneten Wulle und Kube zu beantragen.[1]