Die Verhandlungen zur Beilegung der schwerwiegenden britischen Kohlenkrise sind in eine Sackgasse geraten.[1] Die Grubenbesitzer haben den Vermittlungsvorschlag des Premierministers Stanley Baldwin formell und mit scharfer Begründung abgelehnt.[2] Wie das Berliner Tageblatt berichtet, überreichte das Zentralkomitee der Arbeitgeber am Freitagnachmittag eine Antwortlage, die alle Hoffnungen auf eine rasche Einigung zunichtemacht.[1] Bereits am Vormittag hatten der Vollzugsrat des Bergarbeiterverbandes und die Delegierten der Kumpel ihre Sitzungen auf unbestimmte Zeit vertagt.[3] Sie brachen die Gespräche ab und verließen London, um in ihre jeweiligen Heimatbezirke zurückzukehren.[3][4]

Die Position der Bergwerksbesitzer ist äußerst unnachgiebig. Sie weisen in ihrem Schreiben darauf hin, dass die gegenwärtige wirtschaftliche Notlage der Industrie auf zwei wesentliche historische Faktoren zurückzuführen sei: die Einführung des Siebenstundentages im Jahre 1919 sowie die Erhöhung der Minimallöhne unter politischem Druck im Jahre 1924.[4] Dem Bericht der Neuen Freien Presse zufolge betrachten die Unternehmer die unbedingte Rückkehr zum Achtstundentag als den einzigen gangbaren Weg, um die Produktionskosten deutlich zu senken und die Exportfähigkeit der britischen Kohle wiederherzustellen.[4] Sollte die Arbeiterschaft dieser verlängerten Arbeitszeit zustimmen, versprechen die Grubenbesitzer, die Lohnkürzungen in keinem britischen Distrikt über zehn Prozent hinausgehen zu lassen.[1]

Die von der Regierung Baldwin am 14. Mai übermittelten legislativen Pläne werden von der Industrie jedoch kategorisch verworfen.[4] Diese staatlichen Maßnahmen würden die künftige Entwicklung des Bergbaus lediglich beeinträchtigen und die notwendige Verwaltungsfreiheit der einzelnen Betriebe erheblich beschränken.[2][1] Eine Fortführung der Industrie als Privatunternehmen sei unmöglich, solange sie sich nicht der gleichen Freiheit von politischer Einmischung erfreue wie alle anderen Wirtschaftszweige des Landes.[4] Zwar erkennen die Besitzer an, dass die Industrie weiterentwickelt werden müsse, und sie seien bereit, dieses Ziel zu fördern.[3] Allerdings sei dies nur erreichbar, wenn eine Periode ruhiger Arbeit eintrete; dies sei seit dem Krieg nicht mehr der Fall gewesen.[3]

Hinter diesem harten Ringen stehen fundamentale wirtschaftliche Probleme, die in einer aktuellen Analyse von Staatssekretär z. D. Professor Hirsch ausführlich beleuchtet werden.[1] Der Kampf richtet sich im Kern gegen die Preisentwicklung am Weltmarkt.[1] Es geht darum, dass die staatlichen Zuschusszahlungen enden, mit denen die britische Regierung die sinkende Wettbewerbskraft der englischen Kohle seit fast einem Jahr künstlich aufrechterhalten hatte.[1] Für jede Tonne Kohle, die in Großbritannien abgesetzt oder von dort exportiert wurde, zahlte der Staat seit Mitte 1925 etwa zweieinhalb Mark zu.[1] Durch diese Subvention erzielten die Unternehmer durchschnittlich einen Gewinn von einer bis anderthalb Mark pro Tonne.[1] Ohne diese finanziellen Hilfen hätten 73 Prozent der Bergwerke mit erheblichen Verlusten gearbeitet; lediglich 27 Prozent wären rentabel geblieben.[1]

Auf der anderen Seite stehen etwa 1,2 Millionen Bergarbeiter, die mit ihren Angehörigen fast ein Zehntel der britischen Gesamtbevölkerung ausmachen.[1] Für sie bedeutet der Arbeitskampf einen verzweifelten Widerstand gegen die Verschlechterung ihrer ohnehin schwierigen Lebensverhältnisse.[1] Selbst wenn die Arbeiterschaft den Forderungen der Arbeitgeber entspräche, also eine halbe Stunde länger arbeitete und auf zehn Prozent ihres Lohnes verzichtete, blieben die Konsequenzen schwerwiegend.[1] Allein durch die Verlängerung der täglichen Arbeitszeit würde zwangsläufig eine zusätzliche Arbeitslosigkeit von 100.000 bis 150.000 Mann im Bergbau entstehen.[1] Dennoch erklären Unternehmerschaft und große Teile des englischen Bürgertums übereinstimmend, dass die übrigen neun Zehntel der Bevölkerung nicht länger jenem einen Zehntel im Bergbau Löhne und Dividenden durch Steuermittel sichern könnten.[1]

Während die Fronten am Verhandlungstisch erstarrt bleiben, machen sich die unmittelbaren Auswirkungen des Arbeitskampfes im ganzen Land immer stärker bemerkbar. Die Regierung ermahnt die Bürger, mit Brennmaterial sparsam umzugehen.[3] Der Eisenbahndienst bleibt weiterhin auf fünfzig Prozent seiner regulären Kapazität beschränkt.[3] In der Hauptstadt London wird die Kohlenknappheit bereits erheblich empfunden.[2][3] Für die Streikenden hingegen wird die Situation zunehmend schwierig.[2] Aus einem Bericht des Evening Standard geht hervor, dass in verschiedenen Städten bereits öffentliche Notküchen errichtet wurden, um die Ernährung der Arbeiterfamilien zu gewährleisten.[2][3] In einigen Industriebezirken reichen die angesparten Streikgelder der Gewerkschaften nur noch für wenige Tage.[2][3]

Politisch herrscht derzeit Stillstand. Premierminister Baldwin ist am Freitag auf seinen Landsitz Chequers abgereist und wird vor Mittwoch nicht in London zurückerwartet.[1] Es ist nicht zu erwarten, dass vor dem Pfingstfest neue Schritte zur Schlichtung unternommen werden, da keine Seite neue Kompromissvorschläge vorbereitet hat.[1][3] Sicher scheint unterdessen, dass die Regierung keine staatlichen Zwangsmaßnahmen gegen die Industrie verhängen will.[3] Eine administrative Übernahme der Gruben würde den Fiskus mit enormen Summen belasten. Nach Angaben der Badischen Presse beliefen sich die Kosten bei der letzten staatlichen Kontrolle auf fünf Shilling pro geförderter Tonne, was einer Haushaltsbelastung von fünf Millionen Pfund Sterling im Monat entsprach.[3]

Derzeit deutet vieles darauf hin, dass sich Großbritannien auf einen langwierigen Ausstand einstellen muss.[1] Das Land erinnert sich mit Sorge an den letzten großen Streik im Jahre 1921, der volle drei Monate andauerte.[1] Der Führer der Labour Party, Ramsay MacDonald, erklärte unlängst, die Bergarbeiter könnten, falls es notwendig sei, erneut dreizehn Wochen lang streiken.[1] Welche schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen ein solcher Zermürbungskrieg für das Empire hätte, brachte Finanzminister Winston Churchill im Unterhaus zur Sprache. Er warnte, ein langer Streik werde der englischen Industrie einen solchen Schaden zufügen, dass diese sich voraussichtlich erst in zwei Jahren davon erholen könne.[1]