Die französische Offensive in Marokko hat zu einem entscheidenden Erfolg geführt. Wie aus Fès gemeldet wird, ist Targuist, die Hauptstadt des Riff-Führers Abd el Krim, am Sonntagmorgen von französischen Truppen besetzt worden.[1][2] Die Einnahme des Ortes, der als politisches und militärisches Zentrum der Aufständischen galt, erfolgte nach Angaben der Presse nahezu kampflos. Sie stellt einen Wendepunkt im seit Jahren andauernden Kolonialkrieg dar.[1]

Der Besetzung von Targuist ging eine sorgfältig geplante und entschlossen durchgeführte Offensive voraus. Diese Offensive, die unter dem Kommando von General Boichut am 8. Mai begonnen hatte, führte zum Erfolg.[2] Innerhalb von nur zwölf Tagen sind die französischen und spanischen Truppenverbände rund 30 Kilometer auf schwierigem Terrain vorgerückt.[3] Laut dem Pariser Figaro hatten die französischen Einheiten bereits am 21. Mai die Höhenstellungen eingenommen, die Targuist im Süden und Osten beherrschen.[2]

Der schnelle Vormarsch der Kolonialtruppen hat offenbar zu einem vollständigen Zusammenbruch der Moral unter den Riff-Stämmen geführt. Wie die Washington Post berichtet, wurde die Besetzung der Hauptstadt durch die Unterwerfung eines großen Teils des Stammes der Beni Ouriaghel begünstigt; dies ist der eigene Stamm von Abd el Krim.[1] Bereits am Samstagnachmittag empfingen die Generäle Boichut, Marty und Dosse auf dem Djebel-Hamman die Kapitulation fast aller südlichen Beni Ouriaghel. Sie galten bisher als die treuesten Anhänger des Riff-Führers.[2] Auch der Stamm der Beni Airiret, der noch am Vortag gekämpft hatte, soll sich den Franzosen angeschlossen haben.[2]

Der eigentliche Einmarsch in Targuist erfolgte am Sonntag um 10 Uhr vormittags. Den Berichten zufolge drangen zunächst einheimische Partisanen in den Ort ein. Unmittelbar darauf folgten reguläre Truppen der dritten französischen Division.[2] Nennenswerter Widerstand wurde nicht geleistet.[2]

Auch von der spanischen Front werden ähnliche Erfolge gemeldet. Dem Madrider Blatt El Sol zufolge rücken die spanischen Kolonnen unter Führung des Obergenerals Sanjurjo entlang des Nekor-Flusses vor; sie treffen kaum noch auf feindliche Gegenwehr.[4] Die Zeitung schildert, wie sich ganze Gruppen von Stammeskriegern den spanischen Generalen ergeben. Das bestätige die vollständige Auflösung der von Abd el Krim geschaffenen Organisation.[4]

Über das Schicksal Abd el Krims selbst liegen unterdessen widersprüchliche Nachrichten vor. Nach amerikanischen Meldungen ist der Riff-Führer bereits vor dem Fall seiner Hauptstadt mit seiner Familie und seiner beweglichen Habe in nordwestlicher Richtung geflohen. Sein genauer Aufenthaltsort sei unbekannt.[1] Aus dem Westfälischen Merkur geht hervor, dass seine Lage als hoffnungslos eingeschätzt wird. Dies gelte, nachdem der Stamm der Dscheballas ihm die Stellung von Truppen verweigert hatte.[3] Unbestätigten Gerüchten zufolge soll er sich in Verkleidung nach Tanger durchgeschlagen haben. Andere Berichte sprechen davon, dass er sich in die westlichen Berge zurückgezogen habe.[3]