Am ersten Pfingstfeiertage wurde in Clermont-Ferrand der diesjährige Kongress der französischen Sozialistischen Partei eröffnet.[1] Laut dem Pariser Figaro versammelten sich die beinahe zweihundert Delegierten in einem schmucklosen Gebäude. Der Verhandlungssaal war mit roten Tüchern und den Büsten der Parteigrößen Jaurès und Guesde geschmückt.[2]
Unter den Anwesenden bemerkte man zahlreiche führende Köpfe der Partei, darunter Léon Blum, Renaudel, Paul Faure, Jean Longuet sowie die Abgeordneten Bracke und Compère-Morel.[2] Nach den üblichen Feierlichkeiten und der Begrüßung durch den lokalen Verbandssekretär wandte sich der Kongress zunächst Tagesordnungspunkten von geringerer politischer Tragweite zu.[1][2]
Die erste größere Auseinandersetzung entzündete sich jedoch bald an einer Wortmeldung des Mitglieds der Seine-Föderation, Zygromski.[1] Seine Ausführungen betrafen die Rolle der Sozialistischen Internationale und des Völkerbundes. Daraufhin kam es zu scharfen Angriffen gegen den Abgeordneten Paul Boncour.[1] Redner des linken Flügels warfen ihm vor, sich offenkundig in den Dienst einer Regierung zu stellen, die der sozialistischen Doktrin keine Rechnung trage.[1] Der Abgeordnete Grumbach trat diesen Vorwürfen entgegen und verteidigte die Haltung Boncours.[1] Die Debatte über diese Frage prägte den ersten Verhandlungstag. Nach Berichten der französischen Presse drehte sich dieser Tag vornehmlich um die Person Boncour.[2]
Zusätzliche Spannung erfuhr der Kongress durch Manöver von außerhalb der Partei. Dem Temps zufolge bestätigt das kommunistische Blatt L’Humanité, dass die Kommunistische Partei dem sozialistischen Kongress einen neuen Vorschlag zur Bildung einer „Einheitsfront“ unterbreiten werde.[3] Dieser Vorstoß war insbesondere an den linken Flügel der Sozialisten gerichtet, der sich im sogenannten „Komitee für sozialistisch-revolutionäre Aktion“ sammelt.[3]
Die Beratungen des ersten Tages waren zudem von längeren prozeduralen Debatten geprägt, wie aus dem Figaro hervorgeht.[2] Vor allem die Frage, in welcher Form über die Berichte des Parlamentsklubs und der Parteiverwaltung abgestimmt werden sollte, führte zu eingehenden Beratungen der Parteiführer Blum, Bracke und Renaudel.[2] Schließlich einigte man sich darauf, die Berichte zunächst nur auf ihre sachliche Richtigkeit hin anzunehmen. Die darin aufgeworfenen politischen Fragen sollen einer gesonderten Aussprache vorbehalten bleiben.[2]
Die für die politische Linie der Partei entscheidende Aussprache über die allgemeine Politik steht nach Meldung des Westfälischen Merkur erst auf der Tagesordnung des heutigen Montags.[1] Der Kongress, an dem auch zahlreiche ausländische Bruderparteien teilnehmen, erwartet somit noch die grundlegenden Richtungsentscheidungen.[2]