Die Meldungen über einen bevorstehenden Zusammenbruch der Front Abd el Krims im marokkanischen Riffgebiet haben sich in den letzten Stunden deutlich verdichtet. Aus Fez wird offiziell bestätigt, dass der Führer der Riffkabylen, Abd el Krim, sich in zwei Briefen an den französischen Generalresidenten Steeg gewandt und um die Eröffnung von Verhandlungen ersucht hat.[1][2] Dieser Schritt erfolgte nach den jüngsten militärischen Erfolgen der französisch-spanischen Truppen. In politischen Kreisen wird er als sicheres Anzeichen für das baldige Ende des langwierigen und verlustreichen Kolonialkrieges gewertet.[3]
Die Schreiben wurden durch den Leiter einer Sanitätsmission des Roten Kreuzes, den als Vermittler bekannten Dr. Parent, nach Fez überbracht.[4][1] Parent gilt als Vorsitzender des Bundes der Kriegsverletzten in Marokko und kennt Abd el Krim persönlich. Seit dem Scheitern der Konferenz von Udschda stand er wiederholt mit dem Riff-Führer in Verbindung.[2] Ihm wird die Einschätzung zugeschrieben, dass Abd el Krims Friedenswunsch diesmal von ernster Natur sei. Dies folgert er, da nach dem Verlust entscheidender Stellungen Abd el Krims Aussichten als verloren gelten.[1]
Die französische Offensive der letzten Wochen hat die Lage grundlegend verändert. Die Einnahme von Targuist durch reguläre französische Truppen wird als ein entscheidender Schlag gegen den Widerstand der Berberstämme angesehen.[1][5] Die Zeitungen beschreiben die Situation mit dem Bild eines Hirsches, der von der Meute gestellt worden ist.[5] Zudem beraubte die Eroberung des Bergmassivs der Boni Ider durch die vierte Division Abd el Krim weiterer strategischer Rückzugsmöglichkeiten.[1] Dem *Berliner Tageblatt* zufolge schwindet auch die Unterstützung seiner Verbündeten. Insbesondere die Dscheballa-Stämme sollen nicht mehr willens sein, den Kampf fortzusetzen. Abd el Krim fühle sich deshalb selbst unter den ihm verbliebenen Stämmen im Suada-Gebiet nicht mehr in Sicherheit.[1]
In seinem Schreiben appelliert der Riff-Führer, wie die Zeitung *L'Œuvre* berichtet, an den „Edelmut der französischen Nation“.[3] Er erklärt darin, dass die militärischen Erfolge der Alliierten ihn dazu veranlassten, sein Schicksal der Großmut der französischen Regierung zu übergeben.[4] Die Pariser Regierung zeigte sich von diesem Appell jedoch wenig beeindruckt. Ein am Dienstagmorgen zusammengetretener Ministerrat hat beschlossen, auf den Vorschlag Abd el Krims nicht einzugehen.[4] Aus Regierungskreisen verlautet, der Brief enthalte keine ausreichenden Garantien und sei in seinen Formulierungen nicht präzise genug, um eine Änderung der militärischen Operationen zu rechtfertigen.[4] Die Offensive im Riffgebiet soll daher unverändert fortgesetzt werden.[2]
Die französische Presse ist sich nahezu einig in der Forderung nach einer bedingungslosen Unterwerfung.[1] Von neuen Friedensverhandlungen, wie sie in Udschda geführt wurden, könne keine Rede mehr sein.[5] Stattdessen werden klare Bedingungen formuliert, deren Annahme einer vollständigen Kapitulation gleichkommt. Dazu zählen die sofortige und bedingungslose Auslieferung aller französischen und spanischen Kriegsgefangenen sowie die persönliche Stellung Abd el Krims bei den französischen Vorposten.[1][2] Ferner wird verlangt, dass Abd el Krim das Riffgebiet umgehend verlässt; seine Verbannung gilt als beschlossen.[4] Paris beabsichtigt zudem, die Einheit der aufständischen Stämme gezielt zu zerschlagen, indem künftige Besprechungen nur noch mit den einzelnen Stämmen und nicht mit einer Gesamtvertretung geführt werden sollen.[2] Man ist überzeugt, dass der Block der Riffstämme bereits vollkommen aufgelöst sei. Gemeinsame Verhandlungen würden ihm nur neue Kraft verleihen.[2]
Bevor eine endgültige Antwort erteilt wird, will die französische Regierung die spanische Regierung konsultieren, da ein Friedensschluss nur gemeinsam erfolgen kann.[1] Die militärischen Operationen sollen erst dann eingestellt werden, wenn Abd el Krim und die übrigen Stämme alle gestellten Forderungen angenommen haben.[2] Unterdessen geht aus Fez das Gerücht hervor, Abd el Krim erwäge den Versuch, in die neutrale Zone von Tanger zu flüchten, um einer Gefangennahme durch die französisch-spanischen Truppen zu entgehen.[2]