Im belebten Pariser Quartier Latin ist am Dienstagnachmittag der ehemalige Chef der ukrainischen Nationalregierung, Simon Petljura, auf offener Straße durch mehrere Revolverschüsse getötet worden.[1][2] Der Vorfall ereignete sich am Boulevard Saint-Michel, als Petljura ein Restaurant verließ.[3] Der Täter, ein russischer Jude namens Samuel Schwarzbart, ließ sich unmittelbar nach der Tat widerstandslos von einem Polizisten festnehmen.[1]

Bei seiner Vernehmung auf der Polizeiwache legte Schwarzbart ruhig und gefasst seine Beweggründe dar.[1] Er erklärte, Petljura sei der Urheber zahlreicher Judenpogrome in der Ukraine gewesen, bei denen auch seine eigenen Eltern ums Leben gekommen seien.[1][4] Die Tat betrachte er daher nicht als Verbrechen, sondern als einen Akt der Gerechtigkeit. Er sei bereit, sein Leben für die Sache der gequälten Juden zu opfern.[1] Vor sechs Monaten habe er erfahren, dass sich Petljura in Paris aufhalte und ihm seither aufgelauert.[1] Eine frühere Gelegenheit zum Anschlag habe er nicht wahrgenommen, da Petljura in Begleitung seiner Frau und seiner jungen Tochter gewesen sei.[5] Dem Pariser *Figaro* zufolge sei diese erst vierzehn Jahre alt.[6]

Die Vorbereitung der Tat scheint über einen längeren Zeitraum erfolgt zu sein. Laut französischen Zeitungsberichten kaufte Schwarzbart eigens einen automatischen Revolver vom Kaliber 7,65 mm.[6] Um sein Opfer sicher identifizieren zu können, schnitt er dessen Porträt aus einer Enzyklopädie aus.[6] Nach seiner Verhaftung bat der Täter darum, noch einmal seine Werkstatt aufsuchen zu dürfen, um von seiner Frau Abschied zu nehmen und seine geschäftlichen Angelegenheiten zu ordnen.[1] Dort sortierte er die zur Reparatur überlassenen Uhren und notierte die Preise für die geleistete Arbeit, bevor er endgültig abgeführt wurde.[1]

Samuel Schwarzbart, 1888 in Smolensk geboren, ist naturalisierter französischer Staatsbürger und betreibt seit mehreren Jahren eine kleine Reparaturwerkstatt für Uhren in Paris.[1][6] Er diente während des gesamten Krieges in der französischen Armee.[1] Nach Angaben des *Matin* gehörte er 1917 einer französischen Militärmission in Petersburg und Odessa an.[5] Dort habe er erstmals von den Judenverfolgungen in der Ukraine unter Petljuras Regierung erfahren und daraufhin den Entschluss gefasst, seine Brüder zu rächen.[5]

Simon Petljura, in Poltawa geboren, war eine der führenden Figuren der ukrainischen Nationalbewegung.[1] In der Zarenzeit wurde er wegen seiner politischen Tätigkeit mehrfach verfolgt. Nach der Revolution wurde er Kriegsminister in jener ukrainischen Regierung, die den Frieden von Brest-Litowsk unterzeichnete.[1] Nach dem Zusammenbruch der deutschen Armee in der Ukraine stellte er sich an die Spitze des Kampfes gegen den Hetman Skoropadsky und führte seine Truppen bis 1920 sowohl gegen die Bolschewisten als auch gegen die Armee Denikins.[1] Die *Washington Post* merkt an, dass er trotz des Titels „General“ kein ausgebildeter Militär gewesen sei.[7] Seit dem Zusammenbruch seiner Armee im Jahre 1920 lebte er im Exil, zuletzt in Paris, wo er dem *Vorwärts* zufolge die ukrainischsprachige Zeitung *Trisub* herausgab.[5]

Die französischen Behörden haben unterdessen die Wohnung Petljuras versiegeln lassen.[5] Es wird vermutet, dass sich dort wichtige diplomatische Dokumente befinden, die im Zusammenhang mit seinen früheren Aktivitäten gegen Sowjetrussland stehen.[5] Diese Maßnahme könnte auf Verlangen Polens oder anderer an der damaligen Interventionspolitik beteiligter Mächte erfolgt sein.[5] Das Attentat wirft somit nicht nur ein grelles Licht auf die bislang ungesühnten Verbrechen der Bürgerkriegsjahre in Osteuropa, sondern dürfte auch politische Kreise in Paris und anderen Hauptstädten weiterhin beschäftigen.