Nach den erschütternden Ereignissen des Warschauer Putsches, der mit Straßenkämpfen und dem Rücktritt der Regierung Witos endete, tritt in Polen allmählich eine Beruhigung der Lage ein. Das politische Interesse richtet sich nun ganz auf die Konsolidierung der durch den Staatsstreich entstandenen Verhältnisse und besonders auf die bevorstehende Wahl des Staatspräsidenten.[1] Marschall Pilsudski, der unbestrittene Sieger des Konflikts, hält als Kriegsminister die Fäden der Macht fest in der Hand. Er bemüht sich zugleich, den Anschein der Verfassungsmäßigkeit zu wahren.[2]
Der Marschall hat gegenüber Pressevertretern erklärt, er habe seit einem halben Jahr auf eine Reform der politischen Sitten hingewirkt.[3] In einem Interview führte er aus, Polen sei durch sein Eingreifen einer Diktatur entgangen.[4] Diese Darstellung findet in der französischen Presse Zustimmung. So hebt der Pariser Temps hervor, dass Pilsudski mit der Übernahme des Kriegsministeriums in einem provisorischen Kabinett unter Ministerpräsident Bartel klar seinen Willen bekundet habe, nicht über das von ihm als notwendig erachtete Maß der politischen Korrektur hinauszugehen.[2] Dadurch seien, so die französische Zeitung, die beiden großen Gefahren — eine Militärdiktatur und ein Bürgerkrieg — vorerst abgewendet worden.[2]
Dem Staatsstreich war eine längere Periode politischer Instabilität vorausgegangen. Die nordische Presse berichtet, dass der Sturz der Regierung Skrzyński zu fieberhaften Versuchen der Regierungsbildung geführt habe.[3] Präsident Wojciechowski wandte sich zunächst an die Sozialdemokraten. Nach Rücksprache mit Pilsudski lehnten diese jedoch ab. Auch der frühere Ministerpräsident Grabski blieb ohne Erfolg, als er Pilsudski das Amt des Kriegsministers anbot.[3] Schließlich übernahm der Bauernführer Witos die Regierungsbildung und bildete eine Koalition der Rechten und der Mitte. Dies wurde von Pilsudski als untragbar angesehen. In seinen Zeitungen bezeichnete er das Kabinett Witos als „einen Bund korrumpierter Halunken“, der ihm nach dem Leben trachte.[3] Auf der Poniatowski-Brücke kam es zu einer scharfen Konfrontation, bei der Pilsudski dem Präsidenten Wojciechowski zugerufen haben soll, die Regierung Witos müsse beseitigt werden. Diese Szene war Auslöser der bewaffneten Auseinandersetzungen.[3]
Die bevorstehende Wahl des Staatspräsidenten durch die Nationalversammlung wird über die künftige Gestalt Polens entscheiden. Das Berliner Tageblatt analysiert die Mehrheitsverhältnisse im Einzelnen.[5] Die Nationalversammlung besteht aus 444 Abgeordneten des Sejm und 111 Senatoren, insgesamt also 555 Mitgliedern.[5] Die absolute Mehrheit beträgt somit 278 Stimmen.[5] Gegen die Kandidatur Pilsudskis werden die Christlichnationalen, Nationaldemokraten und Christdemokraten stimmen, gemeinsam etwa 209 Stimmen.[5] Für Pilsudski werden die Sozialisten, die Bauernparteien und der Arbeiterklub votieren; das sind zusammen etwa 123 Stimmen.[5] Hinzu kommen die Stimmen des jüdischen Klubs, der Deutschen Vereinigung für Sejm und Senat sowie der slawischen Minderheiten, die zusammen auf etwa 130 Stimmen geschätzt werden.[5] Somit könnte das linke Lager insgesamt 259 Stimmen für Pilsudski aufbringen. Damit würden ihm zur absoluten Mehrheit noch 19 Stimmen fehlen.[5]
In dieser Konstellation kommt der Bauernpartei „Piast“ unter Führung von Witos eine entscheidende Bedeutung zu. Die Stimmung in dieser Partei ist nach der Niederlage gedrückt, und man scheint sich mit den neuen Machtverhältnissen abzufinden.[5] In diesen Kreisen herrscht die Auffassung, dass Pilsudski die Führung des Militärs unter keinen Umständen aus der Hand geben wird.[5] Die Wahl eines Kandidaten der Rechten würde daher zu ständigen Konflikten mit der Armeeführung führen.[5] Deshalb wird eine Stimmenthaltung der Piasten bei der Wahl als wahrscheinlichste Option angesehen, was Pilsudski die einfache Mehrheit sichern könnte.[5]
Unterdessen warnt die Deutsche Allgemeine Zeitung vor Falschmeldungen über angebliche Unruhen in den polnischen Grenzgebieten, die während der Kämpfe aus polnischen Quellen verbreitet wurden.[1] Es wird vermutet, dass damit im Ausland der Eindruck eines bedrohten Polen erweckt und von den inneren Unruhen abgelenkt werden soll.[1] Die Zeitung hält ein aktives außenpolitisches Vorgehen Polens derzeit für unwahrscheinlich, solange die innenpolitische Lage ungeklärt bleibt.[1]
In den Zentrumsparteien, so berichtet das Berliner Tageblatt, besteht die Befürchtung, die Linksparteien könnten im Falle einer Nichtwahl Pilsudskis revolutionäre Schritte einleiten.[5] Man betrachtet daher die Wahl des Marschalls als das kleinere Übel, weil allein seine Autorität den Ausbruch einer neuen, noch gefährlicheren Revolution verhindern könne.[5]