Die franko-spanische Frühjahrsoffensive im Rif hat überraschend schnell zu einem entscheidenden Ergebnis geführt. Nach wochenlangen, erbitterten Kämpfen ist der organisierte Widerstand der Rif-Republik zusammengebrochen. Ihr Führer, Abd el Krim, hat sich den französischen Streitkräften ergeben und so einen seit Jahren andauernden Kolonialkrieg beendet, der Frankreich und Spanien erhebliche Opfer an Menschen und Material gekostet hat.

Dem Vernehmen nach hat Abd el Krim am gestrigen Tage in Taza vor dem französischen Oberkommandierenden in Marokko, General Boichut, offiziell seine Unterwerfung vollzogen.[1] Der Rif-Führer, der zunächst als Kriegsgefangener behandelt wird, soll vorläufig in Taza verbleiben. Über seinen zukünftigen Aufenthaltsort müssen die Regierungen in Paris und Madrid noch eine endgültige Vereinbarung treffen.[1] Nach Meldungen aus Fez wird auch die baldige Ankunft seines Bruders und seines Onkels in den französischen Linien erwartet.[1] Derweil hat der französische Kriegsminister Painlevé in einer Unterredung mit einem Vertreter des Intransigeant erklärt, der Krieg sei nun „wirklich zu Ende“.[1] Was noch zu tun bleibe, betrachte er als Polizei- oder Sicherheitsmaßnahme; nun beginne das Werk des Friedens und des Wiederaufbaus.[1]

### Die Zermürbung der Rif-Krieger

Der Kapitulation ging eine Phase rapider militärischer und moralischer Zersetzung aufseiten der Rif-Stämme voraus. Ein französischer Sanitätsoffizier namens Parent, der den Unterwerfungsbrief Abd el Krims nach Fez überbrachte, berichtete, die Kampfmoral der Rif-Truppen sei in der letzten Zeit tief erschüttert gewesen.[1] Verschiedene Abteilungen hätten sich geweigert, an die Front zu gehen. Das unterstrich die Aussichtslosigkeit eines weiteren Widerstandes.[1] Abd el Krim selbst, der die Lage richtig einschätzte, soll erwogen haben, an der spanischen Front den Tod im Kampf zu suchen. Seine unmittelbare Umgebung hielt ihn jedoch davon ab.[1] Daraufhin berief er einen großen Kriegsrat ein, an dem auch die früheren Friedensdelegierten von Oujda teilnahmen, um das weitere Vorgehen zu beraten.[1]

Diese Entwicklung folgte auf den Abbruch der Friedensverhandlungen Anfang Mai. Den Vertretern der Rif-Republik waren bereits im April die üblichen Bedingungen für eine Unterwerfung mitgeteilt worden: Anerkennung der Autorität des von Frankreich beschützten Sultans, Entwaffnung der Stämme, garantierte lokale Verwaltungsautonomie und die Entfernung Abd el Krims.[2] Die Verhandlungen scheiterten. Daraufhin setzte die franko-spanische Offensive mit großer Wucht ein. In der Nacht vom 7. zum 8. Mai griffen französische Truppen überraschend die Stellungen der Rif-Krieger am Fluss Kert an und stellten kurz darauf die Verbindung mit den spanischen Verbänden her.[2] Die entscheidenden Schläge fielen im Gebiet der Beni Uriaghel, dem Heimatstamm Abd el Krims. Dort operierte die Heeresabteilung unter General Marty.[2]

### Abd el Krim über seine Kapitulation

In einer Unterredung mit einem Berichterstatter des Pariser Matin, die in Targuist stattfand, äußerte sich Abd el Krim zu den Gründen für seine Aufgabe. Auf die Frage, warum er den Frieden nicht bereits in Oujda geschlossen habe, erwiderte er, er habe sich nicht ergeben können, ohne zuvor noch einmal gekämpft zu haben.[3][4] Er habe zwar gewusst, dass er geschlagen werden würde, doch habe er auf den Edelmut Frankreichs vertraut und sich daher bedingungslos ergeben.[3] Einen Nachfolger, so erklärte er, werde es nicht geben. Zur Frage nach dem Schicksal der Ausländer, die sich in seinem Hauptquartier befunden hatten, gab Abd el Krim an, diese seien nach Tanger entflohen.[3][4] Ausdrücklich betonte der Rif-Führer, dass Frankreich und nicht er den Krieg begonnen habe.[3]

Abd el Krim wartete in Targuist noch auf die Ankunft seiner Familie und seiner Habe, bevor er nach Taza überführt wurde.[5] Wie aus Paris gemeldet wird, hat er den französischen Behörden außerdem einen großen Teil seines Briefwechsels übergeben. Die Prüfung dieser Dokumente dauert noch an.[4] Dem Pariser Quotidien zufolge sollen einige dieser Schriftstücke belegen, dass Abd el Krim zu seinem Widerstand vor allem durch italienische Persönlichkeiten ermutigt wurde, die sich als Vertreter der Regierung in Rom ausgaben.[4]

### Unvollständiger Friede und diplomatische Folgen

Die Unterwerfung Abd el Krims bedeutet jedoch nicht die unverzügliche Befriedung des Landes. Nach Berichten aus Paris wird im Westen Marokkos weiterhin gekämpft.[4] Viele der dortigen Rif-Stämme, deren Stärke zwischen 20.000 und 50.000 Krieger geschätzt wird, wissen offenbar nichts von der Kapitulation ihres Anführers.[4] Sie schenken den von französischen Fliegern abgeworfenen Flugblättern keinen Glauben und leisten weiterhin Widerstand.[4] Die französischen Verluste in der letzten Offensive nach dem Scheitern der Konferenz von Oujda werden amtlich mit weniger als hundert Mann angegeben, einschließlich der Fremdenlegion und der Kolonialtruppen.[1]

Für die französische Innenpolitik, insbesondere für das regierende Linkskartell, bedeutet der Sieg eine erhebliche Entlastung.[2] Die Sozialisten hatten in der Opposition die Kolonialpolitik stets heftig kritisiert, sahen sich aber nach der Regierungsübernahme gezwungen, einen kostspieligen und unpopulären Krieg zu führen.[2] Mit dem militärischen Erfolg dürfte die für den 18. Juni angesetzte parlamentarische Debatte über die Ereignisse in Marokko, wie aus dem Verhalten des Abgeordneten Renaudel in der Kammer hervorging, weniger kontrovers verlaufen.[6]

Auf diplomatischer Ebene hat General Simon, der bereits die Verhandlungen in Oujda leitete, eine neue Mission erhalten.[3] Er soll mit dem spanischen Hochkommissar, General Sanjurjo, die durch die neue Lage entstandene Situation erörtern.[7] Der Vorwärts hebt in einer Analyse hervor, dass der Sieg in Marokko Frankreich vor neue diplomatische Herausforderungen stellt.[8] Anders als bei der Eroberung Algiers im 19. Jahrhundert, als Frankreich freie Hand hatte, war die Marokko-Frage von Anfang an mit den Interessen anderer europäischer Mächte—insbesondere Spaniens, aber auch Englands und Italiens—verknüpft.[8] Das Ende des Rif-Aufstandes wird daher unweigerlich neue Verhandlungen über die Machtverteilung im westlichen Mittelmeer erforderlich machen.