Zum Abschluss der Debatte über den Etat des auswärtigen Amtes hat Ministerpräsident Mussolini am Freitag im Senat eine Rede gehalten, die weniger durch unerwartete Enthüllungen als durch den Ton unbedingter Entschlossenheit Aufsehen erregt.[1] Er legte in gemessenen und trockenen Worten die Grundzüge der faschistischen Außenpolitik dar und ließ keinen Zweifel an Italiens Willen, seine Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen.[2]

Zunächst zog Mussolini eine Bilanz der Erfolge seiner Regierung. Er zählte hierzu den Erwerb von Dschaghbub, die Sicherung des Dodekanes sowie die Verträge mit Jugoslawien und der Tschechoslowakei.[1][3] Die Krönung dieser Politik sei jedoch die Beteiligung Italiens am Pakt von Locarno, der die Stellung des Landes als europäische Großmacht festige.[1] Ein Fernbleiben von diesen grundlegenden Verhandlungen wäre ein „kolossaler Fehler“ gewesen; Italien wäre dann isoliert worden und hätte die Gelegenheit versäumt, sich auf die gleiche Stufe mit dem britischen Weltreich zu stellen.[1]

Ein zentraler Punkt seiner Ausführungen war die Frage der Brennergrenze, deren Garantie nicht explizit in den Locarno-Vertrag aufgenommen wurde. Mussolini erklärte, die italienische Regierung habe bewusst darauf verzichtet.[1] Einerseits sei der Pakt bereits kompliziert genug gewesen. Andererseits, und dies sei der entscheidende Gedanke, habe man von Deutschland keine Garantie für den Brenner verlangen können.[4][1] Eine solche Forderung hätte, so die Argumentation, die Möglichkeit anerkannt, dass Deutschland eines Tages Italiens Nachbar werden könnte. Dies wäre ein Fehler gewesen, den man unbedingt habe ausschließen müssen.[1][3] Solange Österreich am Brenner stehe, bestehe keine Gefahr; Italien sei vollauf in der Lage, diese Grenze aus eigener Kraft zu verteidigen.[4][1]

Der Geist von Locarno habe jedoch, so führte der Ministerpräsident weiter aus, durch den jüngst zwischen Deutschland und Russland geschlossenen Berliner Vertrag eine gewisse Trübung erfahren.[4][5] Man dürfe die Bedeutung dieses Abkommens nicht überschätzen, müsse es aber als ernste Angelegenheit mit Aufmerksamkeit verfolgen.[5] Dennoch sei der baldige Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bei der nächsten Versammlung in Genf eine ausgemachte Sache. Dies sei eine alte italienische Forderung, da es im Interesse der Welt liege.[4][5] Eine Verzögerung oder gar Verhinderung dieses Schrittes wäre gefährlich und unzweckmäßig.[5]

Breiten Raum widmete Mussolini sodann der Abrüstungsfrage. Er beteuerte zwar den Friedenswillen seiner Regierung, machte jedoch unmissverständlich klar, dass Frieden zu wollen nicht Entwaffnung bedeute.[4][5] Italien könne nicht abrüsten, solange nicht alle Nachbarn dies in gleicher und durchgreifender Weise täten.[4] Alles andere wäre eine „üble Komödie“.[4] Eine einseitige Entwaffnung käme für Italien einem Selbstmord und dem Verlust seiner Unabhängigkeit gleich.[5] Dies erkläre auch die Haltung des italienischen Vertreters bei der Genfer Abrüstungskonferenz.[4][5]

In diesem Zusammenhang kam Mussolini auf den oft missverstandenen Begriff des ‚Imperialismus‘ zu sprechen. Jedes Volk, das leben und sich entfalten wolle, müsse von einem Machtwillen erfüllt sein und imperialistische Ziele verfolgen.[2][4] Der Faschismus lehne die verbrauchte Phrase der allgemeinen Völkerbrüderlichkeit ab.[2] Dieser Imperialismus sei für Italien eine Frage der nationalen Würde und nicht zwangsläufig kriegerischer Natur.[4] Dennoch betonte Mussolini die Notwendigkeit des italienischen Expansionsdrangs. Er schloss mit einer unzweideutigen Warnung an die ehemaligen Kriegsverbündeten: Niemand werde etwas erhalten, sei es in der Mandatsfrage oder anderswo, bevor nicht die berechtigten Wünsche Italiens erfüllt seien.[2][5]

Als entscheidendes Instrument zur Wahrung seiner Interessen im Völkerbund bezeichnete Mussolini das Prinzip der Einstimmigkeit bei den Beschlüssen des Völkerbundrates.[1] Italien verfüge in Genf nicht über eine Gefolgschaft von Klientelstaaten, wie sie andere Mächte besäßen.[5][1] Dem Harburger Tageblatt zufolge erklärte Mussolini: „Wir sind allein, aber wir sind gerüstet und haben ein formidables Veto zu sprechen.“[2] Auf dieses Vetorecht, so der Regierungschef, werde Italien unter keinen Umständen verzichten.[5][1][3] Die Rede wurde vom Senat mit lebhaftem Beifall aufgenommen.[1]