Die polnische Nationalversammlung hat am Dienstag den von Marschall Pilsudski vorgeschlagenen Kandidaten, den Chemieprofessor Ignacy Moscicki, zum neuen Staatspräsidenten der Republik gewählt. Nachdem ein erster Wahlgang ergebnislos geblieben war, erhielt Moscicki im zweiten Durchgang 281 Stimmen.[1] Damit hat die Nationalversammlung jenen Mann zum Staatsoberhaupt bestimmt, den Pilsudski erst ins Spiel brachte, nachdem er selbst die am Vortag auf ihn gefallene Wahl aufsehenerregend abgelehnt hatte.[1]
Der Wahlakt vom Dienstag stellt den vorläufigen Schlusspunkt einer politischen Entwicklung dar, deren eigentlicher Lenker Marschall Pilsudski bleibt. Wie das Hamburger Echo analysiert, war Pilsudskis Verzicht keineswegs eine gefühlvolle Geste, sondern ein wohlkalkulierter politischer Schachzug.[1] Er hatte offenbar erkannt, dass die ihn wählenden Mittelparteien ihn im Präsidentenamt lediglich kaltstellen wollten.[1] Zudem schien ihm die für seine Pläne notwendige Verfassungsänderung zur Stärkung der Exekutive mit dem gegenwärtigen Sejm und Senat unerreichbar.[1] Indem er der Nationalversammlung einen gänzlich unbekannten Kandidaten präsentierte, wagte er viel und errang einen vollen Erfolg. Dieser Erfolg unterstreicht seine überragende Machtstellung im heutigen Polen.[1]
Die Abstimmung selbst offenbarte die neuen Machtverhältnisse. Im ersten Wahlgang hatten die Sozialisten, dem Vernehmen nach aus Verstimmung über die jüngsten Ereignisse, noch für einen eigenen Kandidaten gestimmt.[1] Im zweiten Wahlgang jedoch schlossen sich die Sozialisten dem linken Lager an und vereinigten ihre Stimmen mit denen der Nationalen Arbeiterpartei sowie der Vertreter der jüdischen und deutschen Minderheit. Gemeinsam stimmten sie für Moscicki.[2] Die Rechtsparteien hielten an ihrem Kandidaten, dem Wojewoden von Posen, fest.[1] Leere Stimmzettel wurden vermutlich von Abgeordneten der übrigen Minderheiten sowie einzelnen Vertretern der Bauernpartei Piast abgegeben.[2]
Der neue Präsident, Ignacy Moscicki, ist eine in der Politik bislang unbeschriebene Persönlichkeit. Im Jahre 1867 in Kongresspolen geboren, studierte er Chemie in Riga und Warschau.[3] Wegen sozialistischer und antirussischer Betätigung wurde er 1892 von der zaristischen Regierung ausgewiesen und ging zunächst nach London. Anschließend übernahm er die Leitung eines Laboratoriums an der Universität in Freiburg in der Schweiz.[1][3] In dieser Zeit trat er aus der Sozialistischen Partei aus und war fortan nicht mehr politisch tätig.[3] 1913 folgte er einem Ruf als Professor an die Universität Lemberg.[1] Nach der Teilung Oberschlesiens übertrug ihm die polnische Regierung 1923 die Leitung der Stickstoffwerke in Chorzow.[3] Die Enteignung dieser Werke aus ehemals deutschem Besitz ist erst kürzlich vom Internationalen Gerichtshof im Haag für vertragswidrig erklärt worden.[3] Politisch wird Moscicki heute als linksgerichteter Demokrat eingestuft.[3]
Unmittelbar nach seiner Wahl erklärte Moscicki gegenüber einem demokratischen Blatt, dass die Machtbefugnisse des Präsidenten sowie die von Kammer und Senat erweitert werden müssten.[2] Seine Vereidigung wird jedoch erst am Freitag stattfinden, da er zunächst nach Oberschlesien gereist ist, um in Chorzow persönliche Angelegenheiten zu regeln.[3]
Über die künftige Regierungskonstellation herrscht noch keine vollständige Klarheit. Es wird erwartet, dass das provisorische Kabinett Bartel demnächst zurücktritt. Danach soll es — möglicherweise mit leichten Veränderungen — erneut die Geschäfte übernehmen.[2] Dieses Kabinett wird beim Sejm um besondere Vollmachten für die Dauer einiger Monate nachsuchen.[3] Dem Nieuwe Rotterdamsche Courant zufolge könnte sich ein Triumvirat aus Pilsudski, Bartel und dem neuen Präsidenten Moscicki bilden, welches eine politische und wirtschaftliche Erneuerung Polens einzuleiten hätte.[2] Zu den Plänen der neuen Regierung zählen die Bekämpfung der Korruption, die Entlassung überflüssiger Beamter und der Abschluss neuer Handelsverträge, vor allem mit Deutschland und Russland.[2] Aus der Umgebung Pilsudskis verlautet, dass der Marschall in jedem Fall das Kriegsministerium behalten werde. In Warschau wird bereits darüber gesprochen, ob er nicht selbst die Führung des neuen Kabinetts übernehmen könnte.[3]