Die jüngsten polizeilichen Maßnahmen gegen rechtsradikale Zirkel bildeten den Gegenstand einer außerordentlich erregten Debatte, die am gestrigen Tage im Preußischen Landtag stattfand. In Vertretung des beurlaubten Innenministers Severing ergriff Ministerialdirektor Dr. Abegg das Wort, um das Vorgehen der Behörden zu erläutern und gegen die heftigen Angriffe der Rechtsparteien zu verteidigen.[1]
Dr. Abegg führte aus, dass dem preußischen Innenministerium seit einiger Zeit beunruhigende Nachrichten über Pläne rechtsradikaler Kreise zugegangen seien, die auf eine gewaltsame Änderung der Staatsform abzielten.[2] Eine sorgfältige, mehrwöchige Untersuchung der Polizei habe die Stichhaltigkeit dieser Berichte bestätigt.[2] Der entscheidende Anstoß für das Eingreifen sei jedoch aus den Reihen der Nationalisten selbst gekommen. Dem *Vorwärts* zufolge waren es rechtsgerichtete Persönlichkeiten, die, in Gewissensnot geraten, die Behörden von den Machenschaften in Kenntnis setzten.[3] Laut dem *Nieuwe Rotterdamsche Courant* hätten sogar verschiedene vaterländische Vereinigungen, die untereinander keine Verbindung hatten, die Polizei gewarnt, weil sie ihre Zustimmung zu den Verschwörungsplänen nicht geben konnten.[2]
Am Montag, dem 10. Mai, sei die Berliner Polizei schließlich über einen konkreten Plan zur Errichtung einer Diktatur sowie über die Namen der dafür vorgesehenen Personen informiert worden.[2] Daraufhin hätten am folgenden Tage sowohl in Berlin als auch in der Provinz die vielfach kritisierten Haussuchungen stattgefunden.[2] Die Polizei habe, so Abegg, lediglich ihre Pflicht getan, da sie sich andernfalls einer Mitverantwortung für einen möglichen Staatsstreich schuldig gemacht hätte.[2][3] Man könne von der Regierung nicht verlangen, derart detaillierte Warnungen von ernst zu nehmender Seite unbeachtet zu lassen.[3]
Die Ausführungen des Ministerialdirektors wurden von den Bänken der Rechtsparteien wiederholt durch laute Zwischenrufe und Proteste unterbrochen, sodass der Unterpräsident Dr. Porsch unablässig die Glocke betätigen musste.[2] Die Forderung der Rechten, Abegg solle die Namen seiner Gewährsleute preisgeben, wurde von diesem entschieden zurückgewiesen.[3] Bei den Razzien sei, wie Abegg weiter berichtete, sehr wichtiges Material beschlagnahmt worden, darunter Briefe und Instruktionen für Organisationen, die nach Berlin marschieren sollten.[2]
Für besondere Empörung sorgte die Schilderung eines Vorfalls während einer der Durchsuchungen. Eine bekannte Persönlichkeit der Rechten habe dabei erklärt, sie sei im Besitz von Material, das sie ungern in den Händen der Polizei sähe.[2] Die betreffende Person habe hinzugefügt, sie habe es so gut verborgen, dass die Polizei es nicht finden werde, und versichert, sie wäre die Erste, die mitmarschierte, sobald man gegen Berlin vorrücke.[2] Diese Enthüllung löste auf der linken Seite des Hauses große Entrüstung aus, während von rechts weitere Tumulte ausgingen.[2]
Seitens der Deutschnationalen wies der Abgeordnete Metzenthin die Darstellung Abeggs zurück. Nach Berichten des *Berliner Tageblatts* erklärte er, man habe kein klares Bild von der angeblichen Bedrohung gewinnen können.[1] Ein Vergleich mit dem Kapp-Putsch sei unzulässig, da damals eine geschlossene und bewaffnete Truppe zur Verfügung gestanden habe.[1] Der kommunistische Abgeordnete Eberlein bezeichnete die Zwischenrufe und Proteste der Rechten als „Theater“, das dazu diene, ihre wahren Absichten zu verbergen.[1] Den Faschisten werde ohnehin kein Haar gekrümmt, obwohl belastendes Material gefunden worden sei.[4] Der Zentrumsabgeordnete Stieker betonte demgegenüber, es sei nicht nur das Recht, sondern die Pflicht der Polizei, dort einzugreifen, wo Anzeichen für ein Verbrechen vorliegen.[1]