Der frühere österreichische Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel, der sich seit gestern in Paris aufhält, wurde am Nachmittag von Präsident Doumergue in Begleitung des österreichischen Gesandten Grünberger empfangen.[1] Im Mittelpunkt seines Besuches stand jedoch ein Frühstück, das ihm zu Ehren von dem unter dem Vorsitz des Ministers Painlevé stehenden Komitee Frankreich-Österreich veranstaltet wurde.[1]
In seiner Ansprache gab Painlevé seinem Bedauern Ausdruck, dass eine engere Zusammenarbeit mit Österreich nicht früher zustande gekommen sei.[1] Wäre dies geschehen, so wären der europäischen Zivilisation nach seiner Auffassung schwere Katastrophen erspart geblieben.[1] Eine Kooperation zwischen Frankreich und Österreich liege „in der Natur der Dinge“ und könne dazu beitragen, Hass und Misstrauen in Europa zu überwinden.[1]
Dr. Seipel erwiderte in deutscher Sprache und betonte, dass Österreich den festen Willen habe, zu leben.[1] Die Gefahr, von einer finanziellen Katastrophe verschlungen zu werden, müsse das Land nicht mehr fürchten.[1] Sein Land wolle den Frieden und hege nicht die Absicht, den gegenwärtigen Zustand Europas zu bekämpfen.[1] Mit besonderer Aufmerksamkeit wurde seine Äußerung zur Anschlussfrage aufgenommen: Österreich, so erklärte der frühere Kanzler, drohe nicht mit dem Anschluss an Deutschland.[1] Es wünsche jedoch, dass das heutige Europa zu einer wahren Gemeinschaft werde, die allen Völkern Sicherheit bietet.[1]
Für den morgigen Tag ist ein Vortrag Dr. Seipels in der Sorbonne über „Das wahre Antlitz Österreichs“ angekündigt, ein Termin, den auch der Pariser Figaro in seinem Kalender hervorhebt.[1][2] Anschließend wird sich Dr. Seipel nach Cherbourg begeben, um von dort aus zu einer Reise zum Eucharistischen Kongress in Chicago aufzubrechen.[1]